Prima Klima?

2. Stunde, Kunst (oder etwa nicht?) in meinem 4. Schuljahr:

Mit Hingabe formen die Viertklässler in Gruppenarbeit kleine Inseln aus Knetgummi. Wir haben bereits eine intensive Sachunterrichtsstunde zum Klimawandel hinter uns und alle sind froh, ein wenig entspannen zu können. Es ist nicht leicht, Schüler mit dem Thema zu konfrontieren, ohne dass sich bei manchen unmittelbar Ängste aufbauen. Tatsächlich, so habe ich in den letzten Jahren erfahren, sind die Antennen von Kindern viel sensibler auf Zukunft ausgerichtet, als die mancher Erwachsener. Denn es geht um ihre Zukunft. Und von der haben viele Zehnjährige bereits ein klares Bild. So wollen wir leben ist daher ein passender Titel für die Miniaturwelten, die hier gerade entstehen. Ich erkenne Häuser, Bäume und sogar ein winziges Schweinchen. „Das sieht toll aus!“, lobe ich Giuliano, „Ist das Schwein von dir?“

„Ja“, bestätigt der Junge stolz und weist mich darauf hin, dass hinter dem Bauernhof auch noch ein Kaninchenstall stünde. Ich bin hingerissen und spare nicht mit Lob. Auch die anderen Gruppen können gute Arbeit vorweisen und die Stimmung steigt, als ich die unausweichliche Frage, ob es auch Noten für die Werke gäbe, positiv beantworte. Für Noten würden die Viertklässler alles tun.

Sie befüllen die Plastikwannen, in denen die Kneteinseln stehen, vorsichtig mit Wasser und posieren stolz vor meiner Kamera. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich Ergebnisse aus dem Kunstunterricht fotografiere und auf unsere Schulhomepage stelle, ist doch der Kunstunterricht meine heimliche Liebe, der sowohl die Viertklässler als auch ich hingebungsvoll frönen. So argwöhnen sie auch nichts, als ich den Vorschlag mache, doch noch ein paar kleine Eisberge ins Wasser zu lassen, der Optik wegen.

Im Gegenteil: „Coole Idee, Frau Weh!“, rufen sie und übersehen in ihrem Eifer völlig, wie seltsam es ist, dass ich auf einmal gleich mehrere Beutel mit Eiskugeln aus einer Kühltasche ziehe. Stattdessen lassen die Gruppen fröhlich Eisberg um Eisberg ins Wasser plumpsen und freuen sich darüber, dass die Inseln kleine Tropfen abbekommen.

„Vorsicht!“, ruft Giuliano, „Die Kaninchen!“

Da klingelt es zur Pause.

Ich gestehe, dass ich der globalen Erwärmung in den nächsten Minuten ein wenig zuarbeite, indem ich die Eiskugeln, die munter um die Inselchen tanzen, mit einem Schuss heißen Wassers zu Leibe rücke. Alles für die Show, denke ich, als der Miniaturmeeresspiegel ansteigt und die ersten Zäune, Menschen und – ja! – auch den Kaninchenstall versinken lässt. Den Rest besorgt der völlig überheizte Klassenraum. Am Ende der Pause sind die Inselstaaten der Viertklässler überschwemmt.

„Was ist denn hier passiert!?“

Ungläubiges Entsetzen ist den Kindern ins Gesicht geschrieben, als sie fassungslos vor den Überresten ihrer Arbeit stehen. Ich lasse sie wüten, horche aber aufmerksam auf den Erkenntnistransfer, der nicht lange auf sich warten lässt.

„Es ist ja auch superheiß hier, kein Wunder, dass alles schmilzt!“

„Das ist wie mit der Erderwärmung und dem Polareis.“

„Der Meeresspiegel ist angestiegen und hat alles kaputt gemacht.“

Ich kann nicht anders, ich freue mich über die hellen Köpfe vor mir, die bereits Rettungsmöglichkeiten erwägen. Für ihre Kneteinseln hier und für die Welt da draußen.

 

 

Arschermittwochsfreuden

Ich stehe vor dem aktuellen Hausmeister und schimpfe wie eine Kanalratte.

Anders als abgesprochen hat er nämlich nach der Karnevalsfeier die Bestuhlung im Musikraum nicht wiederhergestellt, sondern einfach wild durcheinander stehen lassen. Dies bot für sich genommen bereits ein Chaos größeren Ausmaßes, ließ jedoch die zuckerbedingte Brauchtumshyperaktivität zweier 1. Schuljahre, die gleichzeitig zu unterrichten ich an diesem Morgen die Freude hatte, geradezu explodieren. Welche Wonne, nichts Böses ahnend zur Schule zu kommen, dort zu erfahren, dass zwei Kolleginnen ausfallen und dann mit einem ganzen Rudel Erstklässler Musik zu machen, denn „das gehe ja immer!“.

Entgegen anderslautender Meinungen möchte ich an dieser Stelle einmal deutlich klarstellen: Nein, das geht NICHT immer! Auch wir Musiklehrer haben ein Recht auf gute – oder wenigstens nicht ganz so schlechte – Rahmenbedingungen.

Zwei Klassen gleichzeitig unterrichten – schlecht!

Vollgestellter Musikraum – schlechter!

Platzwunder Erstklässlerkopf, weil gegen Stuhllehne gelaufen – am schlechtesten!

Da rettete es auch nicht den Tag, dass mein Tafeldienst Arschermittwoch an die Tafel schrieb. Und ich schwöre, hätte sich der Hausmeister nicht in meinem Beisein über eben diesen für sich genommen sehr possierlichen Schreibfehler lauthals amüsiert, dann hätte ich ihn wohl auch nicht so angefaucht, wie ich das nun seit einigen Minuten tue und wie es eigentlich so gar nicht meine Art ist. Ich rede mich in Rage (was ich in einer solchen Stimmung gut kann) und lasse Phrasen um Phrasen aufsteigen: Bin ich denn die einzige, die hier mitdenkt? Ist das so schwer, sich an eine einfache Absprache zu halten? Blablabla. Dabei kreist mein pädagogischer Zeigefinger im Gesichtsfeld des Mannes. Aber Tanzabstand ist heute nicht! Nicht mit mir, ich bin geladen!

Da sehe ich, dass der Hausmeister – das Grinsen mühsam beherrschend – auf meinen Finger starrt und halte in meinem gewalt(ät)igen Wortschwall inne. Auf meiner Fingerspitze prangt ein grabbeliges, hellgrünes Pflaster, darauf… tanzende Bärchen. Ach ja, gestern, Schnitt am Papier, Miniweh, kindliche Sofortmaßnahme. Toll.

„Hmm“, grummle ich, den Blick auf meinen Zeigefinger gerichtet, „das käm jetzt ohne Pflaster irgendwie besser, oder?“

Wir müssen beide lachen. Der Hausmeister entschuldigt sich, ich tue es ebenfalls. Im Büro spendiert er mir einen Kaffee und ein neues Pflaster. „Eins für Erwachsene“, sagt er. „Für ernste Gespräche.“

Gott sei Dank, es ist Karneval!

Kevin war bei uns das Kind, das als typischer Schulversager gilt. Obwohl er bereits ein Schuljahr wiederholte, hatte er am Ende des 4.Schuljahres ein Abschlusszeugnis, das vor Vierern und Fünfern nur so strotzte. Aus einem bildungsarmen, aber kalorienreichen Elternhaus stammend, hatte er es alles andere als leicht: Er war immer das entscheidende Stück zu groß, zu dick, zu dumm, um dazuzugehören und trotz aller Bemühungen das entscheidende Stück zu gutmütig, zu unsicher, zu wenig selbstbewusst, um sich gegen Sticheleien oder Attacken weniger friedfertiger Mitschüler zur Wehr zu setzen. Zweifelt irgendjemand daran, dass Kinder grausam untereinander sein können? Oh, sie können!

Heute steht Kevin mit seinem Gefolge auf der Schulbühne. Er ist Kinderprinz geworden und genießt jeden Moment im Scheinwerferlicht. Die roten Wangen leuchten, die Augen auch. Er begrüßt die Kinder, die bis vor zwei Jahren noch Mitschüler waren, mit großer Geste und schmissiger Rede. Gut sieht er aus, die lange Session mit vielen Auftritten hat ihn beweglicher gemacht, das auf den Leib geschneiderte Prinzenkostüm macht ihn schmuck. Er ist nicht Kevin, der Schulversager, langsam im Denken und Agieren, nicht Kevin, der Loser. Er ist Prinz Kevin, der erste seines Namens, und sichtbar stolz darauf. Der Junge tanzt, schunkelt, singt und lacht als gäbe es kein Morgen (und vermutlich gibt es das auch nicht oder ist zumindest in diesem Moment keines Gedankens wert). Der Augenblick ist zeitlos.

Und er ist gut.

Ich beobachte das Kind, das in diesem Gebäude so viele unschöne Erfahrungen gemacht hat, und bin froh. Unendlich froh, dass Schule nicht alles ist.

 

blubb, blubb, weg war sie!

Ich liege in der Badewanne und analysiere meinen Zustand. Das dauert eine Weile, muss ich doch zunächst kichernd dem Badewannenspielzeug des Miniwehs beim Untergang zusehen. Nachhelfend stipse ich das Duploboot mit dem dicken Zeh an bis es endlich sinkt. Fröhlich intoniere ich das herzzereißende Thema von Titanic und komme zu dem Schluss, dass ich zwar nicht hackedicht, wohl aber ordentlich beschwipst bin. Immerhin hat die Angelegenheit Stil: Nicht nur, dass ich den Secco (Granatapfel!) aus einem wirklich schicken Glas trinke, nein, er hat auch noch den gleichen Farbton wie das Badewasser („mach’s dir schön“… oder so stand auf der Packung). Da Herr Weh keine Zeit hat, weil er sich in einem archaisch-maskulinen Rollenspiel behaupten muss, habe ich mich in die einsiedlerische Ruhe des Badezimmers zurückgezogen und freue mich des Lebens. Wenn man mangels Gelegenheit so wenig Alkohol zu sich nimmt wie ich, hat man das Vergnügen, sehr schnell in einen Zustand giggelnder Glückseligkeit zu geraten.

So dümple ich also zwischen roséfarbenen Schaumwölkchen und grabbeligen Badeenten und proste mir selber zu. Ich trinke auf den Februar, diesen elenden, blöden, jämmerlichen Monat. Ich trinke darauf, keine perfekte Mutter zu sein und eine bisweilen unerträgliche Ehefrau. Ich trinke auf hohe Ansprüche und tiefe Erkenntnisse. Auf Kinder, die lieber Kekse statt Mittagessen essen und auf die erste 4 in Latein.

Ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass der Alkohol zu wirken beginnt. Meine Wangen sind rot, meine Nase leuchtet und ich habe diesen leicht fragwürdigen Zug um den Mund, der vermuten lässt, dass mein Genmaterial dem des Knäckebrots verwandter ist, als jedem Primaten.

Mir doch egal!, denke ich und nehme noch einen Schluck. Wo waren wir? Ach ja, der verf…luchte Februar! Nimm dies und dies, du erbärmlicher Versuch eines Monats. Nur 28 Tage kurz, aber mit den großen Hunden spielen wollen! Pfffft!!! In Ermangelung eines Trinkpartners stoße ich mit der Badewannenarmatur an. Das Ping klingt wie eine gute Unterrichtsidee. Leider verfliegt sie augenblicklich und lässt mich alleine zurück.

Ich schiebe die Unterlippe vor und fühle mich plötzlich niedergeschlagen. Will ich wirklich zu viel? Andere kriegen es doch auch hin!? Bevor ich mich allerdings in alkoholgeschwängertem Selbstmitleid suhlen kann, ziehe ich schnell einen Strohhalm aus dem Spielzeugeimer. Ich mache jetzt in Wellness und puste mir meinen eigenen Whirlpool! Blurpsblurpsblurps die kleinen Blasen machen lustige Geräusche. Ob ich es schaffe, die ganze Wanne vollzublubbern? Tief atme ich ein, den Strohhalm noch im Schaumberg, und ziehe eine ganze Ladung Seifenblasen in meine Luftröhre. Hörks! mache ich erschreckt und beginne augenblicklich zu husten. Durch den plötzlichen Wirbel sinken auf einen Schlag alle Badeenten und Wasser schwappt über den Rand. Glücklicherweise brauche ich mich nicht darüber zu ärgern, ich ersticke ja gerade. Was, wenn ich jetzt vor lauter Husten untergehe und ertrinke – benebelt wie ich bin setzen vermutlich alle lebenserhaltenden Reflexe aus? Nee!, denke ich und setze mich kerzengerade auf, das kommt nicht infrage, am Mittwoch hat Tchibo Bastelsachen! Ein wichtiger Termin für das Miniweh und mich.

Entschlossen verlasse ich die Badewanne und rubble mich trocken. Dabei kommt mir das letzte Posting in den Sinn und ich beginne mit Tiefenatmung, um meine Luftröhre wieder mit ihrer eigentlichen Aufgabe zu versöhnen. Ich klinge wie ein hyperventilierender Rollmops und muss prompt wieder kichern. Meine Güte, was bin ich heute komisch! Also Herr Weh kann wirklich richtig froh sein, dass er an so jemand Humorvollen wie mich geraten ist! Ich überlege kurz, ob ich ihm einen Überraschungsbesuch abstatten soll – schließlich hatte jede große Schlacht ihren Biwak! – fürchte aber, dass ich die furchtbar alte und furchtbar schmale Treppe in meinem Zustand vielleicht nicht mehr gut hoch, aber umso besser wieder runterkullern würde und entscheide mich dafür, im Bett auf ihn zu warten. Da wird er sich aber freuen, wenn er mich noch wach vorfindet. Jawoll, ich werde ihm von meiner Whirlpoolerfindung erzählen! Zufrieden steige ich ins Bett und lege den Strohhalm vorsichtig auf dem Nachtschränkchen ab. Na, der wird staunen! Ich könnte aber vielleicht doch schon mal das Licht löschen…?

Am nächsten Morgen erzählt mir Herr Weh, dass ihm zwar kein Lichtstrahl, wohl aber ein leichtes Schnarchen den Weg ins Bett gewiesen habe. Ich hätte eine kleine Fahne gehabt, ansonsten aber niedlich ausgesehen mit dem Strohhalm in der Hand und der gerunzelten Nase. Hach ja, so viel zum Thema Verführung mit Strohhalm…

Wenn die Stimme versagt…

…weil der Hals rau ist, ist das nicht immer ein Fall für ein Halsbonbon.

In einem Beruf, in dem aller neuen Medien zum Trotz immer noch die Stimme das Hauptarbeitsmittel darstellt, sind immer wiederkehrende Heiserkeit oder Halskratzen nicht nur nervig, sondern können zum echten Problem werden. Viele Kollegen klagen über Probleme mit der Stimme, sei es, dass sie kratzt, zu leise ist oder schlichtweg wegbleibt. Dabei muss die Ursache nicht immer im Hals stecken. Unser ganzer Körper dient der Stimme als Resonanzraum; ein verspannter Nacken, eine ungerade Haltung wirken sich genau so darauf aus wie eine angeknackste Psyche oder schlechte Stimmung. Was kann man also tun, um die Stimme zu pflegen und zu kräftigen?

Das Wichtigste: Man sollte sich bewusst machen, dass man tatsächlich etwas tun sollte! Kein Sportler würde in einen Sechsstundenlauf gehen ohne sich vorher ordentlich aufzuwärmen. Warum muten wir unserem Stimmorgan dies zu? Natürlich fehlt den meisten von uns die Zeit, um sich täglich intensiv mit der eigenen Stimme auseinanderzusetzen. Daher möchte ich euch ein paar kleine Ideen geben, die sich ohne Aufwand in den Alltag integrieren lassen und die auch ohne professionelle Ausbildung greifen. Aber auch hier lassen sich wieder Parallelen zur sportlichen Leibesertüchtigung ziehen: Ohne regelmäßige Übung wird das nichts 😉

Wie beim Sport geht man auch bei der Stimmbildung vom Großen ins Kleine. Erste Übungen dienen der Lockerung des Körpers und fördern eine aufrechte Haltung. Hervorragend lässt sich das übrigens bereits morgens beim Duschen umsetzen. Versucht folgendes:

  • Strecken und recken
  • Schulterkreisen vor- und rückwärts
  • Nackenkreisen
  • Vorbeugen und Wirbel für Wirbel aufrichten
  • Kräftiges Ausstreichen von Armen, Beinen, Ober- und Unterkörper
  • abwechselndes Anspannen und Entspannen einzelner Muskelregionen

Beim Abtrocknen und Eincremen könnt ihr euch nun dem zweiten Baustein unseres kleinen Stimmtrainings widmen, der Atmung. Praktischerweise funktioniert die ja bereits von alleine. Also dienen die nächsten Übungen zunächst der Bewusstmachung des Atems. Langsames Einatmen und Nachspüren, wo der Atemstrom hingeht. Schickt ihn mal testweise in die Flanken, seitlich in die Rippen oder ganz bewusst nach unten, Richtung Bauchnabel. Dabei wechselt ihr automatisch von der Brust- zur Zwerchfellatmung. Wusstet ihr, dass das Zwerchfell unser größter Atemmuskel ist? Wo das Zwerchfell sitzt, merkt man übrigens am allerbesten beim Schluckauf, da kontraktiert es fröhlichvor sich hin. Wenn ihr nun bewusst (nicht übertrieben tief!) vor euch hin atmet (ein durch die Nase, aus durch den Mund), versucht mal die Ausatmung zu verlängern. Dies dient der Atemkontrolle. Vielleicht schafft ihr es sogar im Verhältnis 1:4, das wäre schon richtig großes Kino! Sprechen und Singen erfolgt bei der Ausatmung, von daher ist es gut, wenn man sich die Atemmenge anständig einteilen kann, um nicht plötzlich „auf dem letzten Loch zu pfeifen“. Schafft Resonanz in eurem Körper und gähnt! Gähnt kräftig und herzzerreißend, fällt gar nicht so schwer, stimmt’s?

Mittlerweile seid ihr abgetrocknet, eingecremt und wahrscheinlich auch schon angezogen. Zeit, die Kinder zu wecken und das Frühstück vorzubereiten. Die folgenden Übungen könnt ihr fröhlich in eure morgendliche Tischkonversation einfließen lassen („gibbbbbbbb mirrrrrr bbbbbitttteeeee die Marrrrrrrmmmmmelaaaaaadeeee, mein Schschschschatzzzzzz!“) oder ihr macht es wie ich und verschiebt die Artikulationsübungen auf den Weg zur Arbeit. Praktisch, wenn ihr mit dem Auto unterwegs seid, unterhaltsam für die Sitznachbarn, wenn ihr Bahn fahrt. Fühlt euch völlig frei und versucht folgende Übungen:

  • brrrrrrrr (über die Lippen, nicht im Hals)
  • blablablablablablablabla
  • b b b b b b b b b b b b
  • spielt Topmodel und gebt Küsschen wie Heidi Klum: mmmmja mmmmja!
  • mit deutlichem Impuls aus dem Bauchraum heraus: ppp ttt kkk ppp … startet langsam und steigert das Tempo.
  • lasst alle Hemmungen fallen und bewegt eure Zunge hin und her, hoch und runter, rein und raus. (Vielleicht nicht unbedingt an der Ampel.)
  • lasst gewollt den Unterkiefer fallen – ja, das wirkt nicht intelligent, aber das muss so!
  • stellt euch vor, ihr seid eine Kuh beim Weidegang und lasst euren Kiefer gemuhtlich kreisen. Jede(r), die schon einmal in das Vergnügen eines Geburtsvorbereitungskurses kam, weiß, dass Hebammen auf die Verbindung zwischen entspanntem Unterkiefer und entspanntem Unterleib schwören. Also los!

Für diese Übungen könnt ihr auch Musik eurer Wahl hören, je fröhlicher, um so besser! Stimmt euch ein, im wahrsten Sinne des Wortes! Danach direkt weiter und summen. Startet in einer euch angenehmen Mittellage und dann testet euch mal rauf, mal runter. Keine Sorge, niemand hört euch. Lasst die Stimme einfach laufen, ganz automatisch passiert ihr dann Kopf- und Bruststimme – beide sollen aktiviert werden. Dieser sogenannte Lagenwechsel sollte ohne besonderen Kraftaufwand oder gar Druck stattfinden. Das Gefühl von Weite in Mund- und Rachenraum muss bleiben, denn diese Weite ist es, die später einen erhöhten Luftstrom und damit mehr Stimmvolumen zulässt – Lautstärke wird durch mehr Atemfluss erreicht, niemals durch Druck!

 

Gedanken

Ich bin immer wieder verblüfft, wie schnell die Wochen vorbeiziehen. Obwohl oder gerade weil so vieles passiert. In den letzten Tagen aber immerhin nichts von größerem Drama. Die Wehwehchen erholen sich vom Kranksein und ich stelle Möbel um. Das hat bisher noch immer geholfen!

Für mich hat Möbelrücken ähnlich wie Kuchenbacken etwas durchaus Beruhigendes. Früher hätte ich dann bei der Gelegenheit direkt noch die ein oder andere Wand gestrichen, heute lasse ich das sein (vielleicht, weil Möwenkackegrau einfach DIE perfekte Farbe ist?) und bitte stattdessen Herrn Weh, mir beim schweren Küchenschrank zu helfen. Überhaupt, dieses um Hilfe Bitten… ein weiterer Schritt im Februarplan und hopps bin ich wieder auf Kurs. In den vergangenen Tagen habe ich mich im Absagen und Annehmen geübt. Könnt ihr das gut?

Ich drücke mich gerne um solche Dinge und hoffe, dass sie sich von alleine erledigen, was sie naturgemäß nicht tun. Aber da dieses Jahr ja alles einiges anders wird, habe ich mich aufgerafft und drei Abos gekündigt, außerdem einen neuen Ballettkurs ausfindig gemacht und für besser befunden. Nun werde ich der wirklich ganz reizenden Tanzlehrerin mitteilen, dass ich den Kurs wechseln werde, was mir schon Tage vorher ein kolossal schlechtes Gewissen beschert. Aber wie Herr Weh richtig sagt, kann ich nicht aus Mitleid als einziges Mitgleid einen ganzen Kurs finanzieren und so übungsintensiv eine Einzelstunde auch sein mag, ich wollte doch auch ein bisschen Spaß haben! Dass man in der Gruppe deutlich mehr davon hat, als einsam, alleine (und zunehmend irre) seine Kreise zu ziehen, weiß doch jeder, der mal Schwanensee oder wenigstens Natalie Portman im Black Swan gesehen hat.

Für meine Viertklässler läuft die Anmeldephase der weiterführenden Schulen. Es ist interessant zu sehen, wie viele Eltern sich tatsächlich an die Empfehlung halten (was sie in NRW nicht müssen) und welche Schüler deutlich im Arbeitsverhalten nachlassen, haben sie erstmal den Platz am Gymnasium sicher. Eine kleine Verschnaufpause gönne ich ihnen, zumal Karneval vor der Tür steht, danach lassen wir es ordentlich mit Grammatik krachen. Parallel dazu beginnen wir mit den Vorbereitungen für unsere Abschlussfeier. Eine Stunde buntes Bühnenprogramm steht an mit Pantomime, Zaubertricks, Liedern, einem „Das weiß doch jedes Kind!“-Quiz gegen die Eltern und etlichem mehr. Gute Ideen nehme ich gerne entgegen!

Es ist ein seltsames Gefühl den Abschied vorzubereiten; nicht nur den der Kinder, auch für mich steht vermutlich nach den Sommerferien der Wechsel an. Genaueres erfahre ich erst kurz vor Schuljahresende. Bis jetzt weiß ich noch nicht einmal, ob der Antrag überhaupt angenommen wurde. Natürlich gibt es die ein oder andere Wunschschule auf meiner Liste, aber ich versuche, mich davon zu lösen und jeden Wechsel als willkommen anzusehen. Letztendlich ist es ja so: Ein ganzes Stück weit hat man es selbst in der Hand, wie es wird. Und zumindest die harten Fakten sprechen für mich – jede Grundschule freut sich über Fachmusiker! Trotzdem bange ich natürlich zwischendurch auch. Wird es ländlich-beschaulich werden oder eher eine Brennpunktschule? Habe ich es mit Helikopter-Eltern oder mehr mit dem Jugendamt zu tun? Wird es einen Musikraum geben? Ein Klavier? Wenigstens ein Keyboard? Werde ich eine Klasse bekommen oder als Fachkraft verheizt? Wie wird die Schulleitung sein, wie das Kollegium? Einmal mit Grübeln angefangen, ist es schwer, sich wieder davon zu lösen. Aber glücklicherweise bietet der Schulalltag ja nicht zu viel Leerlauf, also stürze ich mich in die Planungen für meine Klasse, genieße das ruhige Arbeiten mit den Viertklässlern und denke bei jedem Zusammenstoß mit Frau Schmitz-H., dass unsere gemeinsamen Tage gezählt sind. Ja, das lässt mich lockerer werden.

 

 

 

Zwischenstand

Ich sitze im Warteraum der Autowerkstatt und beobachte durch die Scheibe den Ölwechsel meines Wagens. Auf dem Tisch vor mir steht eine Tasse Kaffee und dampft fröhlich vor sich hin. Ich puste hinein und bemerke halb belustigt, halb irritiert, dass der Dampf sich in Form eines Herzens verflüchtigt. Überall Liebe. Sogar das Klopapier auf der Lehrertoilette trägt derzeit Herzchen. (Angeblich duftet es auch nach Rosen, aber das kann ich nicht bestätigen.)

Was aber ist mit mir und meinem Vorhaben?

Wie vorausgesehen ist es alles andere als einfach. Vielleicht habe ich mir zu viel vorgenommen. Wer krempelt schon innerhalb eines Monats sein Familienleben um? Immer wieder bin ich gereizt und genervt, besonders mit dem größeren Wehwehchen. Längst ist das keine Mutter-Sohn-Sache mehr, die Pubertät hat ihre tentakelhaften Widrigkeiten ins Familienleben eingeschleust. Plötzlich gibt es Widerworte, Nullbockphasen und Schulterzucken. Ach ja, einen neuen Mitbewohner haben wir auch, das mir doch egal! ist eingezogen. Es ist ein wenig wie bei Hase und Igel; wann immer ich einen Raum betrete, das mir doch egal! ist schon dort und hat wahlweise seinen Teller stehen gelassen, seine Wäsche vergessen oder seinen Ranzen auf den Boden geschleudert. Freunde hat es übrigens auch. Das ich hab keinen Hunger! beispielsweise sitzt regelmäßig übellaunig mit am Tisch und hat das heute mach ich keine Hausaufgaben! mitgebracht.

Das wäre ja vielleicht mit Humor noch zu ertragen, wenn da nicht noch mein eigenes Problem wäre: Ich komme schlecht aus meiner Lehrerrolle heraus. Es ist wie ein enges Kostümchen, in das ich mich morgens hineinschlängele, das aber spätestens nach dem Mittagessen spack auf den Hüften sitzt und mich (aber vor allem meine Familie) nicht mehr gut atmen lässt. Eine Brille, die ich vergesse abzulegen und die mich zwingt, meine Kinder mit Lehrerinnenblick anzusehen, wo eigentlich Verständnis, wenigstens aber ein freundlicher Rüffel angebracht wäre. Stattdessen takte ich den Tag durch, um eine Lücke zu finden, in die eine Extraportion Vokabeln, Grammatik, wasauchimmer hineingestopft werden könnte. Zu meiner Verteidigung muss ich anbringen, dass Schule nicht mehr so ist, wie früher. Ist das ein G8-Problem? Häufig kommt das Wehwehchen nach Hause und bringt Inhalte mit, die in der Schule lediglich angerissen, aber nicht vertieft wurden. Bitte gehen Sie das mit Ihrem Kind noch einmal in Ruhe durch und unterstützen sie es! Schreibt die Klassenlehrerin in einer E-Mail. Was aber ist mit Eltern, die sich weder zeitlich, noch intellektuell in der Lage sehen, die Schulbildung ihrer Kinder mit Kenntnissen in lateinischer Grammatik, Algebra oder der Verdauung der Kuh zu unterfüttern? Nicht jeder ist in der komfortablen Lage, sein Kind so zu begleiten. Gehen die dann einfach unter?

Kopfschüttelnd nehme ich einen Schluck Kaffee und lasse meinen Blick durch den Wartebereich schweifen. Die Kaffeemaschine blubbert beruhigend, als wolle sie mir zuraunen, mich endlich zu entspannen.

Will ich ja auch wirklich, mich entspannen. Aber oft genug macht mir die Schule Sorgen. Lustig eigentlich, nicht wahr? Wo ich doch zumindest ansatzweise vom Fach bin. Aber es scheint, als wäre das Gymnasium ein ganz anderer Kosmos, zumindest die Verantwortlichkeiten sind klar: Eltern, ran an die Arbeit! Ich rechne kurz durch und stelle fest, dass wenn das Wehwehchen Abi machen sollte und ich mein Verhalten nicht ändere, wenigstens einer von uns beiden zwangsläufig bis dahin irre werden wird.

Bevor ich mich in weiteren düsteren Prognosen ergehen kann, bringt mir der freundliche Monteur sowohl die Autoschlüssel als auch die frohe Kunde, ich hätte die nächsten 20.000 Kilometer Ruhe. „Oh, das wäre wirklich wunderbar!“, strahle ich ihn an. Die Aussicht 20.000 Kilometer lang nur Ruhe zu haben, hat etwas extrem Tröstliches! Wie weit käme ich, wenn ich jetzt einsteigen und einfach immer weiter fahren würde? Hätten wir dann wohl schon Abitur?

Ich winke dem verdutzten Monteur fröhlich zu, als ich vom Hof fahre. Heute machen wir keine Vokabeln mehr, beschließe ich, heute spielen wir Tischtennis!

Ölziehen mal anders…

Als ich an diesem Morgen das Auto starte, setze ich damit eine wahre Lichtorgel im Armaturenbrett in Gang, was mich augenblicklich in Panik versetzt. Nein, ich kokettiere nicht, wenn ich sage, dass ich mein Auto lediglich fahren und betanken kann. Alles, was darüber hinausgeht (das Einparken in enge Lücken beispielsweise oder der Besuch einer Waschstraße), ist mir fremd und erfüllt mich mit großer Skepsis. Wie auf Automatik geschaltet läuft daher ungefähr folgendes Zwiegespräch in meinem Inneren ab:

Aber bis zur Schule komme ich doch noch!

Und was ist, wenn nicht?

Dann rufe ich den ADAC!

Du hast dein Handy nicht aufgeladen!

Scheiße!

Aber voll!

Den Blick ständig auf die grell strahlende Serviceleuchte gerichtet, fahre ich zur Schule, ein wenig verwundert, dass der Wagen schnurrt wie ein Kätzchen und sich auch sonst nichts anders anfühlt. Auf dem Parkplatz angekommen, krame ich sofort das Handbuch aus dem Handschuhfach hervor. Nach einer ganzen Weile, in der ich beeindruckt lerne, dass ich einen Bediensatelliten an meinem Lenker habe, der fast alles kann außer Kaffeekochen, stelle ich fest, dass es dem Auto wohl seit Längerem an Öl mangelt und ich es nun (wohl wegen meiner Weigerung diesen Mangel wahrzunehmen) auf dem Gewissen habe. Laut wild blinkender Anzeige kann hier nur noch der Fachmann rettend einwirken. Ich muss in die Werkstatt! Sofort!

Notdürftig konzentriere ich mich die nächsten Stunden auf meinen Unterricht, im Hinterkopf mit Tagen und Zeiten jonglierend, wann ich denn wohl einen Werkstattbesuch unterbringen könnte und wie ich dies organisatorisch zwischen Kinderturn-, Schwimm- und anderen Terminen bewerkstellige. Mit der schweren Erkenntnis, dass ich diese Woche  wirklich keine Zeit dafür habe, fahre ich auf dem Rückweg an der Tankstelle vorbei, bereit, den gesamten Vorrat aufzukaufen und reinzuschütten, wo er eben reingeschüttet werden muss. Nach einer Weile bekomme ich sogar die Motorhaube auf, scheitere aber am Öldeckel. (Zumindest glaube ich, dass es der Öldeckel ist, ganz sicher bin ich mir nicht.) Leider kann mir auch die freundliche Frau an der Kasse nicht weiterhelfen, immerhin gibt sie mir den Hinweis, dass nicht jeder Motor jedes Öl verträgt. Ich ringe um Fassung.

Gerade als ich überlege, ob es wohl hilft, sich traurig auf den Rinnstein zu setzen, taucht neben mir die Mutter zweier ehemaliger Schüler auf, mit der ich aufgrund des lebhaften Temperaments ihrer Zwillinge in der Vergangenheit viel Zeit verbracht habe. „Frau Weh!“, ruft sie entzückt, „Was machen Sie denn da unten?“

Ich klage ihr mein Leid mit den blinkenden Lampen, dem klemmenden Deckel und frage aus der Not heraus, ob sie sich mit Öl auskennen würde.

„Klar“, grinst sie, „ich arbeite doch in der Autowerkstatt! Zwar in der Buchhaltung, aber schauen wir mal. Wir machen da auch Pannenkurse extra für Frauen!“

Halleluja!

Sachkundig pflückt sie sich eins von diesen dünnen grauen Papiertüchern an der Zapfsäule ab, von denen ich nie weiß, wofür sie sind, und kontrolliert routiniert den Ölstand. Ich bin hingerissen. „Da ist aber noch genug drin.“, bemerkt sie und hält mir das Stäbchen unter die Nase. Ich sehe, dass ich nichts sehe, und äußere ein unbestimmtes Joh-mmff? Sie wiederholt den Versuch mit dem gleichen Ergebnis. Öl scheint also drin zu sein. Was also will die Karre von mir? „Na, machen wir es doch so“, meint meine Retterin und zückt ihr Handy. „Sie fahren doch sowieso in die Richtung. Ah, hallo, Günay, hier ist die Gabi. In 5 Minuten kommt die Frau Weh vorbei, die hat da was am Öl. Könnter ma gucken und seid bloß nett zu der! Wenn nich, dann gibbet morgen Haue! Jo, tschüss dann!“ Sie beendet das Telefont und strahlt mich an. „Alles klar, die warten auf Sie. Jetzt machen Sie sich ma keine Sorgen, dat wird schon!“ Sie klopft mir aufmunternd auf den Arm. Ich danke ihr und bestelle Grüße.

Fünf Minuten später fahre ich auf den Hof der Autowerkstatt und werde schon von einem freundlichen Monteur erwartet, der mir nach einem kurzen Blick unter die Motorhaube und aufs Armaturenbrett mitteilt, dass ich einen Ölwechsel machen müsste.

„Jetzt sofort?“, schon flackert wieder Panik bei mir auf.

„Nee, Sie können in aller Ruhe nach Hause fahren. Sieht dramatischer aus, als es ist. Die Jungs in der Entwicklung machen sich da immer einen Scherz draus und lassen alles leuchten, was geht.“

Ich bin erleichtert und lasse mich willig von dem netten Menschen an seinen Schreibtisch führen. Wir machen einen Termin aus und einigen uns darauf, dass ich das Auto morgens vor der Schule abstelle und mittags fertig wieder abholen kann. Keine Minute später bin ich wieder draußen. „Tschüss. Und sagen Sie der Gabi, ich hätte mir Mühe gegeben!“, lacht der Monteur.
Ich nicke ihm lächelnd zu und bin furchtbar dankbar über den Verlauf der ganzen Sache. Als ich nach Hause fahre, ignoriere ich die Lightshow unterm Lenker und nehme mir vor, unbedingt alsbald einen Pannenkurs für Frauen zu buchen.

Lotuseffekt

In dem Moment, in dem ich den gestrigen Beitrag abschicke, schießt es mir durch den Kopf: Oh Gott, du hast dich gerade vor 2000 Menschen ausgezogen!

Mein Finger schwebt über dem Button mit der Aufschrift Papierkorb. Ich könnte den Schaden noch begrenzen. Doch dann schüttle ich den Kopf. Nein, manche Dinge müssen ausgesprochen werden und dürfen es auch. Das Heldinnencape befindet sich in der Wäsche. Es ist so wichtig für mich auch den Normalmodus zu akzeptieren. Februar, da bist du ja wieder! Ich schalte den Computer aus.

Beinahe lasse ich die Ballettstunde verfallen; das Letzte, was ich an diesem Abend möchte, ist mir gleich in mehrfacher Ausfertigung zu begegnen. Und in einem vollverspiegelten Raum gibt es wenig Möglichkeiten, sich selber aus dem Weg zu gehen. Dennoch fahre ich, möchte durch die Bewegung Körper und Seele frei machen. Viel lieber als der sich schüttelnde Hund im Regen wäre ich ja ein Lotos oder eine Akelei. Klein, hübsch und mit bewundernswerter Selbstreinigungsfähigkeit. (Die hat der Weißkohl übrigens auch. Aber wer vergleicht sein verletzliches Inneres schon gerne mit einem Blähgemüse?)

In der Ballettschule dann der Schock – krankheitsbedingt haben die anderen beiden Teilnehmerinnen abgesagt. Ich habe eine Einzelstunde. Nehmen die Demütigungen heute gar kein Ende? Verbissen stehe ich an der Stange und wärme mich auf. Bein nach vorne, Ballen, Spitze. Bein zur Seite, Ballen, Spitze. Bein nach hinten. Die Ballettlehrerin korrigiert aufmerksam meine Bewegungen, drängt auf eine aufrechtere Haltung. Kopf hoch, mehr Stolz! Wenn sie wüsste…

Irgendwann nach unzähligen Wiederholungen immer gleicher Bewegungsabläufe merke ich plötzlich verwundert, dass es mir gut geht. Der Ärger ist nicht mehr da, auch der über mich selber. Zum ersten Mal in der Stunde hebe ich den Blick und sehe mir im Spiegel in die Augen. Da stehe ich, nicht perfekt, nicht durch und durch gut, aber ein kleines Lächeln in den Mundwinkeln. Die Ballettlehrerin bedeutet mir kurz zu warten und legt eine neue CD ein. David Garrett dröhnt aus den Boxen. Freiheit flutet mein Herz.

Als ich heute den Computer anschalte, finde ich eure Kommentare und E-Mails. Ich schlucke und blinzle ein paar Tränen weg. Ist es Erleichterung? Scham?

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Danke.

invidia

Nach dem Telefonat bin ich grantig zu meinen Kindern und fies zu Herrn Weh. Ich beschließe früh zu Bett zu gehen und finde mich selber… ätzend!

Eigentlich ist alles endlich genau, wie es sein sollte. Aber tief in meinen Eingeweiden sitzt etwas und spuckt Galle. Verdammt, wo ich mir doch ganz anderes für den Februar vorgenommen hatte!

Rückblick:

Einer meiner Schüler ist seit geraumer Zeit in einem Heim untergebracht. Ein Heim, das weit, sehr weit vom Schul- und Wohnort entfernt liegt. Zwischen dem Erstkontakt mit dem zuständigen Jugendamt und der endgültigen Inobhutnahme vergingen 8 Monate. 8 Monate, in denen das Kind die Hölle durchmachte. 8 Monate, in denen ich mich zwischen die Eltern und meinen Schüler stellte, mit allem, was dazugehörte. Ich würde mich heldenhafter zeichnen, als ich wirklich bin, wenn ich sagen würde, es hätte mir nichts ausgemacht. Aber mit der erschreckenden Gewissheit, dass dem betroffenen Kind Leid widerfährt und es niemanden sonst hat, der helfen könnte oder wollte, habe ich über Wochen wieder und wieder das Jugendamt angerufen, die Polizei informiert, mich in gesetzlichen Grauzonen bewegt. Nebenbei auch unterrichtet. Als verschiedene Maßnahmen endlich nicht nur im Gespräch waren, sondern auch griffen, war ich unendlich erleichtert, aber auch erschöpft.

Meinen Schüler, der bis auf weiteres nicht mehr mein Schüler ist, habe ich lange nicht gesehen. Umso mehr freute ich mich, als mich die Kollegin, deren Klasse er nun besucht, anrief. Inoffiziell. Denn mein Anteil an der Sache ist beendet, daher werde ich nicht weiter von den zuständigen Behörden über das Wohlergehen des Kindes informiert. Die Kollegin teilte mir mit, was für ein Gewinn er für ihre Lerngruppe sei. Sie schilderte, wie sehr der nette Junge ihr ans Herz gewachsen sei. Ihre Preisungen nahmen kein Ende. Sie flocht ein, wie hervorragend es dem Kind in der neuen Umgebung gehe, wie sehr es sich integriert habe und was für eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung sich entwickelt habe.

In einem Nebensatz nach den früheren Lebensumständen und dem Verlauf der Kindeswohlgefährdung gefragt, muss ich Luft holen. Ich denke an E-Mails und Briefe voller Hass, die nur anfänglich an mich, später direkt an Schulleitung und Schulamt geschickt wurden. An den Stiefvater, der drohend am Schultor lauerte, an blaue Flecken auf dem Kinderkörper und Angst in vielen Ausprägungen; versuche die Gedanken abzuschütteln wie ein Hund den Regen.

Ich bestelle Grüße und gute Wünsche und meine dies ehrlich und von ganzem Herzen.

Und dennoch piesackt mich ein Gefühl, welches wohl am ehesten damit zu umschreiben wäre, dass ich säen, aber nicht ernten durfte. Wie gerne hätte ich auch lieber lauter positive Dinge zu berichten gehabt und eine normale Lehrer-Schüler-Beziehung geführt! Aber wie kleinlich ist das!? Wie unglaublich dumm, arrogant und selbstherrlich von mir, auf ein goldenes Sternchen zu hoffen angesichts einer solchen Lebenssituation? Muss alles belohnt werden? Muss ich jedesmal ein Fleißkärtchen erhalten? Tue ich solche Dinge vielleicht auch (ausschließlich gar?), um mich und mein Handeln selbst zu bestätigen?

Die Fragen tauchen völlig unvermittelt auf und treffen mich mit ihren giftigen Spitzen ins Mark. Je ehrlicher ich mit mir selber bin, umso weniger möchte ich heute ich selber sein. Hallo Februar, ist das Liebe? Wird das noch was mit uns?

Ich bin grantig zu meinen Kindern und fies zu Herrn Weh. Ich beschließe früh zu Bett zu gehen und finde mich selber… ätzend!