Es ist soweit:

ich bekomme gerade unanständig schlechte Laune! Arrrrrggghhh.

Eigentlich lief der Tag bisher ganz gut, ich sitze seit heute morgen im einigermaßen warmen Arbeitszimmer fernab jeglicher familiärer Störung und bin produktiv. Die nächste Woche steht (bis auf Sport. Erwähnte ich schon, dass ich ab nächster Woche Sport unterrichte? Na, das wird ein Spaß!), die SU-Reihe für die Zweitklässler einschließlich Tafelbilder, Arbeitsblätter, Hausaufgaben und Abschlusstest ist fertig, sogar für Karneval habe ich schon ein paar Ideen skizziert und jetzt das: musescore macht mich fertig. Die Idee war, dass das Notensatzprogramm mir die Arbeit für die CrazyFunkyChicken erleichtert, aber dazu müsste man sich vermutlich einmal in Ruhe einarbeiten.

(Dafür habe ich natürlich keine Zeit. Ich muss bis spätestens Montag 3 Stücke à 8-10 Stimmen fertig haben. Während ich mir das jetzt hier durchlese, fällt mir selber auf, dass das vermutlich so nicht funktioniert. Na toll.)

Hintergrund ist der, dass ich seit Jahren ein schlechtes Gewissen habe, weil ich bei sowas schon längst auf den PC hätte umschwenken wollen/sollen/müssen. Tatsächlich habe ich aber bis eben doch noch von Hand gearbeitet und das rächt sich jetzt übel. Dabei habe ich mir vorgenommen, mich ENDLICH medial weiter zu entwickeln und was liegt da näher als der kostenlose Download eines gar nicht so schlechten Notensatzprogramms? Allerdings habe ich die einzelnen Noten in der Tat schneller mit der Hand geschrieben als angeklickt. Also werde ich den Erwerb weiterer Medienkompetenz also verschieben. Nur auf wann?

(Bittebitte erwähne niemand das Wort Whiteboard oder Herbstferien…)

Ach, was soll es, letztendlich macht es ja sowieso keinen Unterschied, ob die CrazyFunkyChicken sich bei handschriftlichen oder gedruckten Noten gnadenlos verspielen. Ach doch… im ersten Fall können sie es wenigstens auf mich schieben.

Der letzte Tag

Ja, wie war er, der letzte Tag?

So wie jedes Jahr: laut, trubelig, aufgeregt. Aber auch fröhlich, weihnachtlich und friedlich zwischendurch. Die Zweitklässler haben gewichtelt und tatsächlich hat sich jeder über die ihm zugedachte Kleinigkeit gefreut. Ich habe meine pädagogischen Überlegungen über Bord geworfen und Lennox neben dem gewünschten Taschenwärmer auch noch eine Großpackung Hubba Bubba geschenkt. Er hat einen lauten Schrei ausgestoßen und mich (nach wie vor ohne Schneidezähne) angestrahlt. Zahnfreundlich agiere ich ab Januar wieder, versprochen. Gefreut habe ich mich darüber, dass die aufgeregte Bande es geschafft hat, alle Klassenvorträge während der Weihnachtsfeier ohne Gemurre über sich ergehen zu lassen und waren sie auch noch so schlimm, schief oder schrecklich. Manchmal wussten sie zwar nicht, ob da noch ein Ton kommt oder ob sie schon klatschen sollten, aber insgesamt verhielten sich alle Zweitklässler ausgesprochen wohlwollend gegenüber schlecht gereimten Gedichten, nicht enden wollenden Geschichten und gefühlvollen Gesangsbeiträgen.

Aber das Schönste, wirklich das Allerschönste am letzten Schultag des Jahres ist das Aufräumen. Ich liebe es. Kinder raus, Plätzchengaben und andere Geschenke einpacken und dann runter mit der Weihnachtsdeko, weg mit dem verdorrten Tannengrün, einen vergessenen Radiergummi in die Fundkiste legen, Kerzen und Lichterketten in den Schrank, die Weihnachtswerkstatt eintüten, den alten Kalender von der Wand nehmen, ein letztes Mal die Tafel wischen und mit einem kleinen Lächeln und – vielleicht – einem winzigen, wehmütigen Seufzer einen letzten Blick in den nun leeren Klassenraum werfen. Und dann…

…ist Weihnachten!

two days till madness

Der Weihnachtswahnsinn greift jetzt auch bei uns um sich. Alle drehen ein bisschen am Rad. Ich habe die Zweitklässler von der Leine gelassen und sie sind außer sich. Morgen also lieber keine Werkstatt, sondern Deutschbuch. Schadet auch nicht. Im Diktat (pfui, ja, ich hab eins schreiben lassen) gab es bei einem noch passablen Durchschnitt von 2,9 fünfmal mangelhaft. Das sollte so nicht sein. Die Früstückspausenwitze (Tradition bei den Zweitklässlern, alle essen und einer erzählt Witze) werden auch immer unstrukturierter. Pointen sind offenbar ganz aus so kurz vor Weihnachten.

Leons Opa ist gestern gestorben. Das sollte so auch nicht sein kurz vor Weihnachten. Leon hat geweint, wurde getröstet und hat weiter geweint. Erst wegen Opa später dann noch wegen der Fünf in Deutsch. Der Teufel macht bekanntlich nicht auf den kleinen Haufen. Außerdem gab es heute noch zweimal Musik mit je zwei Klassen. Ja, auch das sollte so nicht sein. Aber wie gesagt, Weihnachtswahnsinn. Unser Hausmeister ist die ganze Woche krank, was furchtbar ist, und mich jetzt vor die Schwierigkeit stellt, die Anlage fürs Feriensingen am letzten Schultag entweder ganz früh morgens oder etwas später mit meiner Klasse aufzubauen. Beides nicht schön.

Ach ja, MamaLennox war da und hat die Stiefel abgeholt. Nein, bedankt hat sie sich nicht. Ist schließlich nicht ihre Idee gewesen. Und außerdem sollte der eine der beiden Kindsväter welche kaufen. Hat er aber nicht. („Der ScheißMistkerl. Alles gibt der immer für seine Neue aus. Aber der Lennox, der will ja immer zum Papa und dann muss ich sehen, wie ich mit dem wieder klarkomme!“) Mission warme Füße geglückt, wo kriege ich jetzt noch auf die Schnelle eine TwoInOne-Packung Liebe/Verständnis her (wahlweise auch Friede/Freude/Eierkuchen, Hunger hatte er heute nämlich auch)? Ich habe gerade keine übrig, das Jahresende zehrt überall an den Reserven. Morgen muss ich die Wichtelpäckchen durchzählen und den neuen Stundenplan für nächstes Jahr austeilen. Ich gebe eine 33er-Religionsgruppe ab und bekomme stattdessen eine zweite Stunde für die CrazyFunkyChicken dazu. Wow! Jetzt will Chefin es aber wissen…

Übrigens habe ich mir heute den Titel leuchtendes Vorbild des Tages verdient. Ich habe eine beeindruckende Spinne (wo kam die her und – wichtiger! – hat sie Familie?), die ganz ohne Zweifel bereits in mehreren Filmen die Hauptrolle gespielt hat, aus der Klasse getragen OHNE DIE MIENE ZU VERZIEHEN! IN DER HAND! Erwähnte ich hier bereits, dass ich disziplinierter Fan des Modelllernens bin? Gestatten, Frau Weh, total unter Kontrolle. Zu Hause hätte ich zum Staubsauger gegriffen. Oder zu Herrn Weh.

In diesem Sinne… noch zwei Tage! 🙂

Mad World

Ein ruhiger Tag heute. Montags habe ich zwischendurch eine Freistunde und die CrazyFunkyChicken sind schon in der wohlverdienten Winterpause, also war das Unterrichtspensum überschaubar. Die Zweitklässler sind gar nicht mal so aufgedreht wie es das nahende Weihnachtsfest vermuten ließe. Das Wochenende war schön. Warum also bin ich gerade so unzufrieden?

Ich komme bei Lennox nicht weiter. Letzte Woche kam er bei Regenwetter mit völlig durchnässten Schuhen in die Schule. Er hat nur dieses Paar, das nächste bekommt er zu Weihnachten. Es sind immer Halbschuhe, Winterstiefel gibt es nicht. Die letztjährigen Winterstiefel des mittelgroßen Wehwehchens, die ich ihm heute früh zum Anprobieren gegeben habe, passen. Und gefallen ihm auch. Mitnehmen wollte er sie trotzdem nicht. Stolz? Angst? Später am Vormittag hat er sich dann übel mit Tom2 angelegt und sich in meinen Arm verkrallt, als ich die beiden getrennt habe. Diese Aggressionsschübe hat er regelmäßig. Kontrolle gleich null. Er agiert wie ein Kleinkind, das voller Wut das Feuerwehrauto gegen die Wand hämmert. Der Psychologe sagt irgendwas von Verbleib auf frühkindlicher Phase. Der Mann vom Jugendamt sagt etwas von schwierigen Familienstrukturen. Ich sage „Du lässt mich auf der Stelle los!“ und fühle mich hilflos.

Auf den Hund gekommen

Pausenaufsicht. Malte aus der 4b kommt auf mich zugestürmt. Er reißt die Augen auf und verkündet mit gequältem Gesichtsausdruck:

„Frau Weh, ich hab eine ganz schlimme Hundeallergie!“

„Ok, Malte. Aber ihr habt keinen Hund.“

„Stimmt.“

Stille

„Aber ich muss eine Jacke aus HUNDEFELL anziehen.“

„Aus Hundefell? Sicher?“

„Ja! … nee. Ich zieh beim Theater für die Weihnachtsfeier eine Jacke vom Dennis an und dem sein Nachbar, der hat einen Hund. Und der… hat schonmal auf der Jacke draufgelegen.“

Von Konsumlust, Käuflichkeit und Klopapier

Ich will überhaupt kein iPad! Was soll ich denn mit einem iPad in der Schule anfangen? (Sebastian, weißt du da was zu?) Und warum wird auf einmal bei allen Fortbildungen, die Chefin besucht, damit geworben, dass die vorgestellten Produkte so wahnsinnig toll für den Musikunterricht wären?

Je mehr ich darüber nachdenke, umso verstimmter werde ich. Wieso ist eigentlich Geld für sowas da, aber keins für Seife in den Klassenräumen? (Von dem fiesen grauen IchwareinmaleinBaumundmusstesterben-Klopapier ganz zu schweigen.) Ich würde mich über das Planetenmodell freuen oder über einen kompletten Drum Circle. Wenns was mehr persönliches sein soll, dann gäb es da diesen einen entzückenden Mantel von Ewa i Walla oder endlich ein Paar nudefarbener Lackpumps in 37,5, die ich allerdings niemals anziehen werde, weil es in meinem Leben derzeit wenig Gelegenheiten dafür gibt. (Ich habe ein Faible für schöne, nutzlose Dinge.)

Ja, ich fürchte, ich bin bestechlich. Wenn ich mal im Kopf überschlage, was auf mein Bitten hin in den letzten Jahren für den Musikbereich angeschafft wurde, dann komme ich auf circa 100 Posten und eine recht stattliche Summe. Kleinpercussion, Effekte, verschiedene Trommeln, Keyboards, Roland, der Kasten, ein Mischpult, Boomwhackers, ein ordentlich großer Fernseher, neue CD- und DVD-Player, neue Boxen, neue Bühne, neuer Fußboden, letzte Woche der Satz Cajons. Fürs nächste Jahr füge ich der Liste ein paar eigene Funkmikros (also, wenn das morgen klappt, wenn nicht, wünsche ich mir ein Marimbaphon und ein Schlagzeug). Chefin macht es möglich. Wen interessiert die Haushaltssperre, wenn die Schule dringend einen Satz Sambainstrumente braucht? Dafür hat Chefin meinen größten Respekt.

Herr Weh bemängelt immer, dass bei Lehrern der persönliche (Mehr-)Einsatz nicht extra honoriert wird. Aber das stimmt so nicht. Vom Computerbereich einmal abgesehen, hat wohl kein Fachbereich unserer Schule in den letzten Jahren so aufgestockt wie meiner. Aber Chefin macht es nicht nur mir zuliebe. Vielmehr weiß sie, dass ich seit einiger Zeit mit dem Gedanken spiele, die Schule zu wechseln. Aber mit jeder Juju-Bohnen-Kette, die in meine Instrumentenschatzkammer einzieht, weiß sie, dass sie mir die Entscheidung schwerer macht. Denn mal ehrlich, wer gibt so eine Fülle auf, wenn er nicht weiß, wie die nächste Schule ausgestattet ist?

Generalprobe

BOAH, verdammte Scheiße, JUNGS!

Die CrazyFunkyChicken sitzen in der eiskalten Kirche und bemühen sich nach Kräften, eine anständige Generalprobe auf die Beine zu bringen. Vielmehr einige CrazyFunkyChicken bemühen sich. Ein paar andere haben den Ernst der Lage noch nicht durchschaut. Es ist die letzte Probe vor dem Gottesdienst und ja, wir sitzen vorne. Ganz vorne. Alle können uns sehen. Das regt die minderrhythmischen Trommlerjungs auf. Und an. Nicht anders kann ich mir erklären, dass der eine dem anderen genau in dem Moment mit voller Wucht aufs Trommelfell – nicht das körpereigene –  haut, als ich mit der Einmessung der Mikros beschäftigt bin. Dem jüngsten Gerichte gleich donnert die Rückkopplung durch die Gänge. Zurückgeworfen von 800 Jahren Echo. Begleitet von den schrillen Schreien der blockflötenden Mädchenmannschaft, die mehr oder minder aufmerksam auf ihren Stühlchen hockt. Die Missbilligung über die Ruhestörung scheint den Heiligenfiguren um uns herum ins Gesicht geschrieben. Schräg über mir schwingt Bonifatius Axt und Eiche. Runterpegeln, stoßweise den angehaltenen Atem zwischen den Zähnen entweichen lassen und böse Blicke werfen. Weiter gehts.

Ich habe bereits das Cello gestimmt und den dabei verlorengegangenen Pinnöpel kurz vor dem Lüftungsgitter mit der linken Schuhspitze noch stellen können. Die Gitarre ist mit einem Mikro vor dem Schallloch ausgestattet (sie grinst stolz), zwei Keyboards sind angeschlossen, die Querflöte – eine fällt aus wegen Magen-Darm –  nah ans Fenster platziert. Hundert Meter Kabel sind verlegt und ich habe nicht mal entnervt geknurrt, als die Geige mir beichtet, sie habe die Noten zu Hause liegen gelassen. Aber jetzt kämpfe ich mit den geliehenen Funkmikros. Sie halten nicht, sie riechen komisch, sie haben Aussetzer. Selber schuld, Frau Weh.

Ich komme mir ein bisschen vor wie eine EinMannBand. Vor mir das Keyboard, im Gesicht klebt das Mikro, die Augenbrauen geben Einsätze, der Mund souffliert den Solosängern und hinter mir fordert Roland, der Kasten, meine Aufmerksamkeit. Roland ist mein treuer Begleiter bei kleinen bis mittelgroßen Gigs. Und heute ist er bis zum Anschlag vollgestöpselt. Das nimmt er mir etwas übel und grollt tieffrequent (aber stetig) herum. Wenn das so weitergeht, dann möchte ich bald einen eigenen Techniker. Mit Monitorbox und coolem Overall. Oder ich läute eine erneute Renaissance ein und packe die Orffinstrumente wieder aus. Pling. Plong. Da fällt mir ein, Chefin hat mir heute voller Stolz berichtet, sie würde mir nächstes Jahr ein iPad zukommen lassen. Das wäre ja sowas von toll für den Musikunterricht! Letzte Woche habe ich fünf neue Cajons bekommen. Ich sollte darüber nachdenken, ob ich käuflich bin.

MITTWOCH – NICHT VERGESSEN:

  • Pflaster zum Mikrokleben (hautfarben, nicht pink!)
  • Wäscheklammern!
  • Kirchenschlüssel (Hosentasche)
  • angstschweißfestes und fleckresistentes Make Up
  • bei Gelingen der Veranstaltung unbedingt höheren Preis bei Chefin aushandeln!

Die andere Seite

Familie Weh beim Samstagsfrühstück.

Das Miniweh klettert mit einem laut vernehmlichen „Mama, Arm!“ aus seinem Stuhl. Dabei kippt es seinen Becher (glücklicherweise mit Minerwalwasser und Strohhalm gefüllt) um. Herr Weh wischt routiniert mit dem bereitliegenden Tuch auf. Eine undefinierbare Mischung aus Krümeln, Klebematsch und Wasser verteilt sich über der Tischplatte. „Oh, Wassa da!“ empört sich das Miniweh und stapft mit den Füßen durch die Lache, die sich am Boden gebildet hat. Herr Weh schimpft, woraufhin das Miniweh fröhlich und Fußtapsen hinterlassend seinen Weg um den Tisch herum aufnimmt. Ich trinke Kaffee, streiche ein Honigbrot und denke laut über die Wochenendeinkäufe nach. Die Frage, ob wir Huhn oder Fisch zum Salat nehmen, ist noch nicht geklärt. Das mittelgroße Wehwehchen liest derweil hinterm Adventskranz versteckt die tägliche Kalendergeschichte vor und bedient sich der ihm und mir aus der täglichen Praxis gut bekannten Möglichkeit, im allgemeinen Aufruhr noch zu Beachtung zu gelangen: es erhebt die Stimme:

„Die kleine Elsbeth war ein glückliches Mädchen!“

Ich wäre ja für Hühnchen. Der Fischwagen ist schließlich freitags da und nicht samstag. Allerdings gab es gestern auch schon Geflügel. Das spräche mehr für Fisch.

„Sie lebte in einer großen Wohnung und hatte ein kleines Zimmer ganz für sich allein!!“

Das Miniweh erklettert meinen Schoß, patscht mir glucksend seine Marmeladenfingerchen ins Gesicht „Mama, Mini, Kuss!“ und presst sein Gesichtchen in das Honigbrot, das ich gerade zum Mund führen wollte. Hühnchen, wir bleiben bei Hühnchen. Mit einem beleidigten määääauhi springt die Familienkatze (flohfrei!) auf Herrn Wehs Schoß, der sie mit einem lauten „Verdammt, Herr Schmidt!“ herunterwirft. Dabei stößt er an den Tisch. Die Kerzen auf dem Adventskranz flackern.

„Außerdem hatte sie ein kleines Fräulein, das sich nur um sie kümmerte!!!“

So ein kleines Fräulein wäre schon nett. Wir hatten mal eine Putzfrau. Das waren goldene Zeiten. Zumindest bis die ganze Bande dann wieder zu Hause eintrudelte und alles in den Ursprungszustand versetzte.

Herr Weh seufzt. „Wie hältst du das eigentlich aus?“

„Wieso?“, ich wische gerade Grabbel und Honig vom Miniweh und denke an den Wahnsinn, der manchmal die Zweiklässlerbande erfasst, „ist doch alles ganz entspannt hier.“

Romeo und Hallo, Julia!

„Frau Wehee? Wie heißt es denn jetzt richtig? Halle-lulja oder Halle-julia?“

Victoria ist sich nicht sicher, möchte aber auch nichts falsch machen.

Die Mehrheit der Kinder ist für Halle-lulja. Halle-julia finden sie allerdings auch recht hübsch. Außerdem war da doch irgendwas mit Romeo? „Aber dann sollte es *Hallo, Julia!* heißen. Das klingt doch schöner!“ findet Pascal. Meinen Vorschlag („Es heißt Halleluja. HAAALLELUUUUUUUUUJA.“) finden sie langweilig. Aber es liegt ja in der Natur der Sache, dass ein Lehrer oft den Part des Spielverderbers einnimmt. Man gewöhnt sich dran.

Es tut mir so leid, lieber Carsten, du merkst, ich muss noch einmal mit dem weihnachtlich vernudelten Song anfangen. Die Kinder lieben es nämlich. Sie legen einander die Arme über die Schultern und summen voller Wonne die Strophen mit. Und wenn dann der Refrain kommt… (und der Refrain kommt!)… dann schmettern sie inbrünstig ihre Version des Lobpreises und mir kriecht eine kleine Gänsehaut über die Unterarme, weil es eben irgendwie doch schön ist.

„Und Frau Weh, wenn du mal irgendwann keine Lehrerin mehr sein willst, dann gehst du zum Supertalent, oder?“ will Melissa aus der 3c wissen.

Natürlich. Aber ich bilde ein Duett mit meiner Kollegin Frau Sommer. Die singt nämlich nächste Woche die 2.Stimme dazu. Überhaupt, Frau Sommer und ich, da tut sich was. Ich bin seit diesem Schuljahr nicht mehr ganz so allein im Musikbereich und entdecke wieder, wieviel Spaß es macht, zusammen an einer Sache zu arbeiten. (Lehrer sollten sich generell viel mehr zusammentun und weniger ihr Einzelkämpferdasein fristen). Morgen üben wir. Nach der 6.Stunde. Da sollten die Stimmbänder ja langsam geölt sein. Ich freu mich drauf und überhaupt bin ich dieses Jahr überraschend entspannt in der Vorweihnachtszeit. Liegt bestimmt am Bloggen 🙂

Ice Ice Baby

Björks unverwechselbare Stimme dringt aus den Boxen. Sie perlt über eisklare Höhen, um anschließend in gletschertiefe Spalten zu stürzen. Sie stöhnt, wimmert und schreit. Sie säuselt, schmeichelt sich ein und liebkost ihre Zuhörer. Frau Gudmundsdóttir macht es den Viertklässlern nicht leicht. Sie sitzen wir erstarrt auf ihren Stühlen, bei manchen malt sich unverhohlenes Entsetzen auf den Gesichtern ab. Aber sie sind vorsichtig in ihren Äußerungen. Bläue ich ihnen doch seit jeher ein, dem Hörverhalten anderer mit Respekt zu begegnen. Es ist nicht alles Pop, was glänzt.

Ich lasse sie die Musik inhalieren und abschmecken wie einen besonders intensiven Rotwein beim Degustierseminar. (Mancher im Raum würde sie wohl auch gerne ohne Umwege in einen Blechnapf spucken.) Den landschaftlichen Besonderheiten der rauen Schönheit Islands versuchen wir uns durch Bilder von Fjorden, Geysiren und atemlos weitem Land zu nähern. In Erzählungen von Elfen und Trollen und dem Klang isländischen Folks (mit Eivor Pálsdóttir mute ich ihnen zugegebenermaßen extrem viel zu) suchen wir die einzelnen Einflüsse, aus denen Björk ihr Tongeflecht spinnt.  In Gruppenarbeit sollen die Kinder zu den Klängen Texte schreiben. Ich lese die Worte Einsamkeit, Traurigkeit und Angst, aber auch Stärke, Schönheit und gewaltige Natur. Manche bedienen sich des Elfchens als einfachem dichterischem Format:

Einsam

So stark

singt sie dort

Wind und stürmisches Meer

Verbunden

Sie haben es. Ich bin stolz auf die Viertklässler. (Und auch ein kleines bisschen auf mich.) Ich verzeihe all die rotzreifen Pietros, schnuckelpuppigen Mileys und milchgesichtigen Justins. Die Viertklässler sind soweit, dass sie anfangen, hinter die Klänge zu forschen, zu erkennen, dass Musik nicht nur alleine für sich steht, sondern ein Produkt vieler Faktoren darstellt. Dass man nicht alles schön finden muss, aber in allem etwas finden kann. Und sei es die Erkenntnis, dass man dieses Stück nun wirklich nicht noch einmal hören möchte.

Am Ende sind alle erschöpft. Ich frage, ob wir zum Abschluss noch ein bisschen ans Klavier zum Singen wollen.

Ins zustimmende Geschrei mischt sich eine große Portion Erleichterung 😉