Weise Worte

Und noch ein nahezu philosophischer Moment in Folge der Umsetzaktion bei den Zweitklässlern.

Alle haben sich den Kopf zerbrochen über die Beweggründe ihrer Frau Weh. Das gefiel ihnen, war es doch wie Rätselraten. Manchen fiel es leicht („Damit ich nicht so viel quatsche!“ „Damit ich besser sehen kann.“ „Dann kann ich dem Justin ein bisschen helfen.“), für manche war es schwieriger („Vielleicht damit ich besser aus dem Fenster gucken kann?“). Zufrieden waren sie mit dem Ergebnis dann alle.

Na gut, fast alle. Tom2 fühlt sich mit einem Mädchen an der Seite eingeengt.

„Ich brauche meine Freiheit!“, so sein gegrummelter Kommentar.

„Freiheit“, doziert Amelie, legt den Kopf dabei in bester Frau Weh-Manier leicht schief, lüpft eine Augenbraue und fährt fort:

„Freiheit muss man sich erst einmal verdienen!“

chicken supreme

Die CrazyFunkyChicken geben alles. Es scheint, als hätte meine Verzweiflung der letzten Woche bei ihnen ungeahnte Kräfte freigesetzt. Jetzt wollen sie es mir zeigen! Beweisen, dass sie den Groove nicht nur besitzen, sondern ihn auch wert sind. Nicht nur die Trompete hat jetzt vor Aufregung und Anstrengung rote Bäckchen.

Wir arbeiten uns konzentriert durch das Programm für den Weihnachtsgottesdienst. Der ViertklässlerGitarrero liefert eine (ich muss es einfach schreiben) saucoole Performance nach der anderen ab. F-Dur, C-Dur, E7-irgendwas – alles kein Problem. Dennoch ist mein absoluter Liebling des Tages das IchkannabernurleereSaitenCello. Caesar, das ist der Wahnsinn!

(Wer hat sich eigentlich das Griffbrett ausgedacht? Und wozu? Leere Saiten rocken total!)

Das kleine Minicello – wenn man das Kind mit dem Cello auf dem Rücken auf dem Schulhof sieht, ist man versucht zu fragen, wo das Cello denn gerade hinlaufe, sieht man doch nur einen riesigen Koffer auf dünnen Beinchen – spielt Greensleeves mit einer solchen Ruhe und Grazie als wäre es mit dem Instrument verwoben. Das wird wirklich Musik. Ich kann es kaum glauben, so gerührt bin ich. „Mehr Noten!“, rufen sie, „wir wollen noch mehr spielen!“. Kann Unterricht schöner sein?

Das schüchterne Keyboard traut sich erstmalig die Lautstärke für das Konservenstreichersolo hochzudrehen. Auch das Glockenspiel kommt aus der Reserve und trifft das a – einfach so – und dann noch das d. Meine Güte, die Kinder haben geübt! Extra für diese Stunde. „Na, weil wir doch sowas wie eine Band sind!“, meint eine der beiden Querflöten, „da muss das doch sein.“, haucht die andere und wedelt nach Frischluft.

Der Blitz der Erkenntnis macht sogar vor dem Saxophon nicht Halt. Das hat nämlich heute der Einfachheit halber mal die Blockflöte dabei. Und siehe da, kein Quietschen, kein Heulen. Eine Woge der Dankbarkeit spült über mich hinweg und lässt mich gnädig das holterdipolter der nach wie vor unverschämt-unrhythmischen LittleDrummerBoys überhören.

Als es klingelt schauen sich alle an und sind sich einig, dass sie doch eigentlich noch ein bisschen bleiben könnten, ist doch grade so schön hier. „Zwei Stunden wären aber wirklich besser, Frau Weh!“, tadelt mich die Trompete.

Diese wohltuende Mischung aus Freude und Erleichterung ist es, die mich durch eine endlos lange und gnadenlos unergiebige Konferenz trägt. Sie lässt mich den Heimweg wie auf Flügeln gleiten bis zu einem Supermarktparkplatz. Wie könnte ein solcher Tag passender enden als mit einem Grillhühnchen? Die CrazyFunkyChicken im Herzen und das halbe Hähnchen in der Tüte fahre ich nach Hause und denke:

No one can whistle a symphony. It really takes an orchestra to play it.

Halleluja!

Meine Güte, ich bin heute aufgewacht und – ich muss es in aller Bescheidenheit sagen – hatte gleich zwei geniale Ideen auf einmal:

1. Ich bespreche morgen im Kreis die von mir aufgestellte neue Sitzordnung (vielen Dank für die Kommentare und links. Der FAZ-Artikel trifft es genau!) und lasse die Kinder herausfinden, warum ihr neuer Platz haargenau der richtige für sie ist. Meine Zweitklässler knobeln gerne. Und sie machen gern mal ein Spielchen. Wenn ich sie also morgen auffordere – der Ehre oder vielleicht als Anreiz auch einer zusätzlichen Stunde Freiarbeit halber – herauszufinden, warum ich sie genau so und nicht anders gesetzt habe, dann werden sie Grüppchen bilden und gemeinsam versuchen, die Nuss zu knacken. Und ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Sitzordnung steht und die Zweitklässler werden es toll finden. (Soweit zumindest die Theorie. Ich werde dann mitteilen, ob es funktioniert hat.)

2. Das CrazyFunkyChicken-Problem. Noch vier Proben, dann folgt der Weihnachtsgottesdienst. Da es unwahrscheinlich ist, dass die Chaostruppe sich bis dahin noch in Philharmonikersphären aufschwingt, setze ich eben noch eins drauf. Ich packe – sozusagen als Sahnehäubchen – einfach noch den Schulchor (dessen Auftritt und die damit verbundene Probenarbeit ja bereits diese Woche beendet ist) mit einem zusätzlichen Stück dazu. Halleluja! Die Rettung! In diesem Fall von Leonard Cohen. Runter transponiert passt das allseits beliebte und bekannte Hallelujah auf die leeren Saiten von Cello und Geige, Trommel geht immer, Gitarre auch. Erste Strophe passt schon, eine zweite füge ich mit weihnachtlichem Text an. Die Strophen singe ich Solo mit Headset (zusätzlicher Coolnessfaktor!), Chor summt die Melodie mit, das Halleluja zweistimmig von allen, fertig! Damit hätten wir den Ohrwurm, den jede gute musikalische Veranstaltung braucht, der das gesamte Auditorium einfängt und stimmungsvoll nachhallen wird. Ja, vor Rührung weinen werden sie!

Wer spricht da noch über ein gequältes Saxophon? 🙂

Ziege, Wolf und Kohlkopf

Es war die Eintagescholera! Heute ist wie neu. Alles prima. Also kann ich mich mit vollem Einsatz einem kniffligen Problem widmen: der neuen Sitzordnung. Es wird fällig, ich komme nicht drumherum. Einige Kinder beschweren sich schon seit geraumer Zeit, dass sie nicht gut von der Tafel abschreiben können und es nur daran liegt, dass sie ihre Hausaufgaben nicht/unvollständig/falsch machen. Da muss eine Lösung gefunden werden. Es ist Zeit, dass sich was dreht. Die Kinder haben sich Sitzreihen gewünscht. (Hah, ihr großen Didaktiker, richtig gelesen: Sitzreihen. Einer hinter dem anderen mit Blick nach vorne. Nicht nur ich bin retro, es hat sich schon übertragen.)

Jetzt habe ich nur ein winziges Problem. WIE SETZE ICH SIE?

Das Verhältnis Mädchen zu Jungen beträgt 1:2, ein Drittel der Kinder trägt eine Brille, ein Sechstel der Kinder hat einen inklusiven Hintergrund, d.h. Beeinträchtigungen der ein oder anderen Art, die bedacht werden müssen. Ein Neuntel der Kinder ist stark verhaltensauffällig und bedarf ständiger Kontrolle, René ist hochbegabt und arbeitet häufig mit Extramaterial.

Aus dem Bauch heraus müsste ein Drittel der Klasse in der ersten Reihe sitzen, ein weiteres Viertel am besten noch weiter vorne. Tom1 hält sich gerne unter dem Tisch auf, Lennox wäre am besten auf meinem Schoß (oder im Tripp Trapp. Mit Bügel.) aufgehoben. Lediglich Nathalie und Amelie sind bereit, notfalls neben einem Jungen zu sitzen und dann auch nur neben René (in den sind vier Mädchen unsterblich verliebt) oder – wenn es nicht anders geht – Benjamin. Der wiederum kann auf gar keinen Fall neben Tom1 oder Tom2 sitzen. Dann fließt Blut.

Victoria und Pauline (beide verliebt in René) sind derzeit zerstritten und buhlen sehr hinterhältig und auf perfide Weise um die Gunst von Mia-Sophie, die idealerweise weit weg von Laura sitzen würde, da diese als Pausenfrühstück meistens Kinder Pingui und Snickers in der Dose hat. Diese mag sie selber zwar nicht, tauscht aber sehr gerne gegen das ungeliebte ökologisch-korrekte Mehrkornbrot von Mia-Sophie. Schon das Wissen darum löst bei Supermom („Mein Kind nimmt keinerlei Zusatz-, Farb- oder andere Stoffe zu sich! Und auf gar keinen Fall Geschmacksverstärker, die verursachen ADHS!“) heftige Reaktionen aus.

Justin und Nick sind über ein paar Ecken mit Leon verwandt. Dies äußert sich turnusmäßig in wilden Auseinandersetzungen auf dem Schulhof („Dein Vater ist ein Arsch!“ „Und deiner hat noch ein Loch dazu!“), es ist ratsam, sie in der Klasse ohne Sichtkontakt zueinander zu setzen.

Früher hieß das mal schwieriges Bedingungsfeld. Heute ist das der Alltag.

Ich schiebe Kärtchen hin. Und her. Testweise schiebe ich auch mal ein Kärtchen in die Parallelklasse oder in die Erziehungsberatungsstelle. Hätte jemand vielleicht mal einen Algorithmus oder eine passende App parat?

 

Böh

Ich habe mich bei Dimitri Tschaikowsky angesteckt. Mein Bauch blubbert in ätz-Moll, mir ist kalt und irgendwie gar nicht gut. Eindeutig die cholerische Seuche aus dem Ural. Dafür habe ich mich tagsüber noch wacker gehalten, Vertretungsunterricht in der 6.Stunde mit zwei Klassen gleichzeitig gemacht (die reinste Freude), den ersten Teil des Elternsprechtags abgeleistet (noch mehr Freude) und eine E-Mail von Supermom bekommen („Ich erwäge Mia-Sophie wenn es soweit ist an einem Gymnasium mit Ballettklasse anzumelden. Sie ist ja so sportlich! Selbstverständlich werden nur die Kinder in die Ballettklasse aufgenommen, die herausragende schulische Leistungen zeigen!“). Freude schöner Götterfunken, ist das eine Drohung? (Mia-Sophie ist leistungsmäßig satt im Dreierbereich anzusiedeln. Aber das kann ja noch werden…)

Danach habe ich mich bei Herrn Weh krankgemeldet und bin mit der Wärmflasche auf dem schmerzenden Bauch ins Bett gegangen. Jetzt versuche ich nicht daran zu denken, dass zwei andere Kolleginnen viel kränker sind als ich und ich deswegen auf gar keinen Fall morgen fehlen kann.

 

Der Tod raucht mit

Religion, 4.Schuljahr. Es geht um den Tod. Ein wahnsinnig spannendes Thema für die Viertklässler. Viele waren schon einmal auf einer Beerdigung, fast jeder trauerte schon um ein liebgewonnenes Haustier. Und dann erst die Sache mit den Würmern…!

Wir streifen die Vorstellungen anderer Weltreligionen, philosophieren über ein Leben nach dem Tod, um dann doch wieder auf den wirklich spannenden Bereich zurückzukommen: wie geht das mit dem UnterdieErdebringen denn nun eigentlich? Gibt es andere Möglichkeiten als den Friedhof um die Ecke?

Maren erzählt: „Meine Oma, die haben wir in so einem Wald vergraben.“

Roman kann toppen: „Bei meinem Opa sind wir mit dem Schiff gefahren und haben ihn ins Meer geworfen.“

Irritierte Zwischenfrage von Laura: „Deinen ganzen Opa? In einem Sarg? Oder wie?“

„Nee“, antwortet Roman, „zuerst ist der verbrannt worden und dann haben wir den Rest in so einen…“, er überlegt, „Aschenbecher getan.“

all inclusive

Tschaikowsky starb an der Cholera. Auch Dimitri fühlt sich nicht gut:

„Meine Bauch blubbert. Ganze Familie war krank. Jetzt ich fühle mich auch nicht gut. Ich bin auch Russe. Ich auch bin cholerisch bestimmt wie Tschaikowsky.“

Sechste Stunde, Musik im Dritten. Die Kinder arbeiten sich durch den Lebenslauf Tschaikowskys und erspüren die Wehmut in seiner Musik. Ich habe das 1. Klavierkonzert in b-moll aufgelegt, die Drittklässler wiegen sich hin und her und spielen die kraftvollen Soli des Klaviers auf imaginären Tastaturen mit. Tschaikowsky kommt gut an. Ich bin entspannt. Es ist erst meine zweite Unterrichtsstunde. Heute hatte ich – Inklusion verpflichtet – mehrere Termine im Jugendamt. Nicht ganz freiwillig bin ich in die Rolle der Inklusionsbeauftragten gerutscht. Eigentlich habe ich schon mit den Förderschulverfahren und den Sprachstandserhebungen genug Außentermine.

Jetzt: viele Leute an einem Tisch (eckig, nicht rund, ich hatte die ganze Zeit ein Tischbein vor mir) in einem winzigen Büro, viele Entwicklungsberichte, Förderpläne, Ideen und Anträge. Paragraph 35a SGB. Es wird viel geredet. Die schulische Sichtweise ist wichtig, es geht um Geld, eine ganze Menge davon. In der Zwischenzeit muss ich in der Schule vertreten werden, eine Stunde fällt aus. Ich bin zwiegespalten, wie so oft, wenn es um das Thema Inklusion geht.

Ein Gespräch später, eine Etage tiefer. Ich nutze aus, dass ich sowieso schon einmal hier bin und suche das Zimmer 118. Ich lande im überraschend geräumigen Büro unserer männlichen Supernanny. Ein Pilotprojekt, das sich kümmert, wenns brennt. Und bei Lennox brennt es. Der Supernanny und ich haben schon früher zusammen gearbeitet, wir freuen uns – den Umständen entsprechend – wieder aufeinander zu treffen. Endlich mal ein Mann. (Nie hätte ich gedacht, dass mir dieser Satz über die Lippen kommt, aber es ist so. In den ersten 10 Lebensjahren geraten die meisten Kinder fast ausschließlich an Frauen. Das ist aus entwicklungspädagogischer Sicht Käse Bullshi grenzwer nicht unbedingt optimal.) Wir reden über Lennox Mutter, die sich in Therapie befindet, über den aktuellen Lebensgefährten und Vater zweier von drei Geschwistern, der sich raushält und den hauptsächlich abwesenden Erzeuger, der – wenn er in Erscheinung tritt – die Bemühungen der Mutter konterkariert. Und wir reden über Lennox, der das Pech gehabt hat, in Verhältnisse geboren zu werden, die Kraft, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Eltern übersteigen. Wir sprechen unsere Ziele ab und einigen uns auf adressatenbezogene Hilfe, sprich: Gespräche bei der Familie zu Hause, Aufstellen von Plänen, Familienregeln und enge Kooperation zwischen Familie – Schule – Jugendamt. Das bedeutet Mehrarbeit. Und zwar von der Sorte, die nicht bezahlt wird, meinem unmittelbaren Unterricht nicht dient, ja nicht einmal der Schule im Großen zuträglich ist. Und die man trotzdem macht, weil sie eben gemacht werden muss. Weil es die Umstände erfordern. Weil es vielleicht einem Kind trotz schlechter Startbedingungen auf seinem Weg hilft.

Es rumpelt in meinem Gedankengang. Dimitri meldet sich erneut klagend zu Wort: „Frau Weh, Sie haben gehört? Meine Bauch r u m p e l t! Dimitri ist cholerisch!“

Ich schaue in Dimitris dunkelbraune Augen, die begehrlich auf den Apfel schielen, den ich neben dem CD-Stapel auf dem Pult abgelegt habe.

„Dimitri, hast du vielleicht Hunger?“

Dimitri strahlt und nickt: „Könnte sein, Sie, Frau Weh. Muss ich nicht sterben. Muss ich essen kleinen Apfel, dann mir geht es wieder gut.“

Toll, ein Kind gerettet 🙂

crazy, funky, damaged

Die CrazyFunkyChicken spielen zum Heulen schön.

Naja, mehr zum Heulen. Das möchte ich jetzt am liebsten auch. Es ist 12.10 Uhr und ich wünsche mich auf die Lehrertoilette, um nienienie wieder rauskommen zu müssen. Noch viermal, dann ist der Auftritt. Ich rechne nicht mehr in Wochen, ich rechne nur noch in Probenterminen. Ich glaube, ich habs verbockt. Geblendet von der strahlenden Erinnerung an das letzte Knallfroschorchester fiel ich dem Hochmut anheim. Todsünde. Jetzt sitze ich da und höre mir den letzten Hauch der Querflöten, die Streiterei zwischen den little drummer boys und das Sterben des Saxophons an. Über die Blockflöten verliere ich keine Worte. Sie sind mir in dem Moment ausgegangen, in dem mir Melissa mit großen Augen berichtete, dass sie zwar gestern ihre Musikmappe wiedergefunden habe, jetzt aber die Flöte fehle. Aber kein Problem, sie könne ja auch einfach mitsingen. So auf düüüt dütdüt düüüüt. Piepsend steht sie vor mir. Was ich denn dazu meine?

Nichts, denn ich muss den Schmerz in meinem linken Fuß veratmen. Unter großem Getöse sind Lara die Platten des Metallophons heruntergefallen. Ich muss mich dringend um die Beschaffung eines neuen Untergestells kümmern.

Ich habe mich verleiten lassen und gedacht, wir könnten alle zusammen spielen. So Musik halt. Das war dumm von mir. Jetzt muss ich sehen, wie ich aus der Nummer ohne Kollateralschäden rauskomme. Zu allem Übel wurde heute im Planungsgespräch mit der örtlichen Geistlichkeit ein neues Lied für den anstehenden Adventsgottesdienst ausgegraben. A-Dur, drei Kreuze.

Die schlage ich auch, wenn das mal alles gut geht.

Die Angst der Musiklehrerin vor St.Martin

Boah nee. Echt jetzt. Mir ist gerade total rabimmelig in der Rübe. Irgendwie ist dieses Jahr ja ganz plötzlich St.Martin. Gerade ist es mir aufgefallen. Bis eben war doch noch gar nicht so weit. Und jetzt müssen alle Kinder in nur vier Tagen alle Martinslieder durchsingen. Und an wem bleibt das hängen? Genau. Alle Ferienerholung – schwupps – dahin.

Fast alle Martinslieder sind in F-Dur. Ich mag F-Dur nicht. Das ist wirklich nicht meine Lieblingstonart. Und wenn ich eine Sehnenscheidenentzündung bekomme, dann immer rund um den 11.11.. Und immer links, wegen der Begleitung. Aber dieses Jahr bin ich schlau, ich transponiere (zumindest für die Gitarre, für den Quetschebüggel sind F und C ganz hervorragend geeignet) und begleite wahlweise mit Gitarre oder Akkordeon. Das ist zwar nicht gerade meine Spezialität, aber das muss ich ja keinem verraten.

Und dann die Marschkapelle! Die spielen, als ginge es um ihr Leben. Pech, wenn man mit der Klasse direkt davor oder danach läuft. Das knallt gut. Auch spannend, wenn man sich genau in der Mitte zwischen zwei Kapellen befindet. Dann kann man sich aussuchen, was man wo mitsingt. Ich warte noch auf den einmaligen Moment, wenn sich die aufeinandertreffenden Schallwellen gegenseitig aufheben. Und dann… Stille! Aber dafür müsste die eine Kapelle ja phasenverkehrt spielen. Phasenweise tut sie dies auch. (Ha ha, verkappter Physiker-Musikerwitz.)

Im ersten Martinszug, den ich nicht selber mit Laterne in der Hand lief, fiel das Pferd plötzlich um und war tot. So richtig mausetot. Das war ganz schön furchtbar. Und gescheppert hat es, denn hier auf dem Land reitet der Martin in voller Rüstung. Erklär das mal den Kindern. (Also das mit dem Pferd. Das mit der Rüstung macht ja durchaus Sinn.) Eine schlimme Geschichte. Alle haben laut geheult. Oder gelacht, je nach Einstellung. Auf jeden Fall ein Martinszug, der im Gedächtnis blieb. Das Pferd starb übrigens an Altersschwäche wurde später gesagt.

Ich glaube ja, es starb an F-Dur.

tribunal at 7.00 pm

Ich werde vor dem Weckerklingeln wach – heute ist das Tribunal und ich bin aufgeregt. Zwar bin ich mir recht sicher, dass ich teilnehmen darf, aber dennoch… Ich bin gespannt, was mich erwartet. General meeting und tribunal sind nunmal die Kernfaktoren des self-governments, für das Summerhill berühmt (und mancherorten auch berüchtigt) ist. Handelt es sich beim meeting um die legislative Festlegung, so ist das tribunal die Judikative der Schule. Hier werden Regelverstöße vorgebracht und mehrheitlich die Konsequenzen festgelegt. Und das immer basisdemokratisch. Jeder hat eine gleichwertige Stimme, Lehrer, Schüler, houseparents. Da die Schüler in der Mehrzahl sind, können sie (bis auf die Bereiche, in denen es um gesundheitliche, gesetzliche oder schulpolitische Belange geht) durchaus Regeln auch gegen die Meinung der Erwachsenen kippen. 14.00 Uhr ist es soweit. Hui.

Gleich bin ich mit Pascale verabredet, eine Stunde Deutsch mit den Kleinen, eine Stunde Französisch mit den Älteren. Ich habe ihr versprochen, ein bisschen Bilderbuchkino zu machen. Lustigerweise hat sie eine deutsche Ausgabe von Alice im Wunderland da. Sehr seltsam. Aber da als Alternative nur meine Reclam-Reiseliteratur zur Verfügung steht (Kafkas Schloss und der Zauberberg von Mann, beides wohl nicht unbedingt geeignet für die 9jährigen), gibt es nachher also eine kleine Teeparty.

Überhaupt, der Tee. Ich habe noch nicht herausschmecken können, was das für Tee ist, den es in der Schule zu den Mahlzeiten gibt. Das Essen ist schon… ja, interessant. Gemüse scheint es nicht zu geben. Und wenn, dann hat es eine spannende Farbe und Konsistenz aufzuweisen. Aber eigentlich darf ich mich hier gar nicht beschweren, es ist normalerweise nicht gestattet, dass Besucher mitessen. Ich habe schon einen Sonderstatus, da ich wesentlich länger bleibe als die durchschnittlichen visitors. Insofern darf ich bei den Mahlzeiten anwesend sein. Zweifelhafte Ehre, da der Umgangston bei der Essensausgabe ziemlich rüde ist. Mir gegenüber sind die Schüler recht höflich – ich hatte ja anfangs andere Befürchtungen. Aber da die Schulinspektoren Zoe ziemlich im Nacken sitzen, wie mir Ruri, eine 16jährige Schülerin aus Japan, berichtete, sind die Schüler angehalten, höflich und zuvorkommend zu sein. Naja, manchen ist das offensichtlich nicht selbstbestimmt genug 😉

(…)

Das tribunal wurde wegen Enas Beerdigung von 14.00 auf 19.00 verlegt. Eigentlich mein offizielles Besuchsende, aber ich durfte bleiben. Die meetings finden in der großen Halle statt. Ich musste kurz vor der Türe warten, bis über meine Teilnahme abgestimmt wurde. Ja, ich war schon irgendwie aufgeregt, aber kein Problem, ich konnte rein. Und dann ging es ordentlich zur Sache. Oli war chairman, also Vorsitzender, dafür musste er zwei chairman-Kurse bei Zoe absolvieren. Es gab zwei Schriftführer, einen für das Mitschreiben der vorgetragenen Fälle und einen für die Strafen. Mit den Worten „I bring up…“ wurden die Fälle eröffnet. Es ging um Rauchen außerhalb der Raucherzone, aus dem Fenster springen, schlagen, drei Kaugummis wurden geklaut, Pudding übers Essen gekippt, Stören nach light out, rumpöbeln auf den Gängen, ins Essen spucken, vordrängeln bei der Essensausgabe usw. Die Strafen reichten von Geldstrafen (5 Pence bis 1 Pfund) über Gemeinschaftsarbeiten (Waschküchendienst u.a.) bis hin zu Verhaltensstrafen (früher ins Bett müssen bei der anstehenden Bonfire-Night. Da muss ich noch rauskriegen, was es damit auf sich hat.). Der Wortführer leitete die Versammlung, bestimmte die Strafe bei unentschiedenen Abstimmungen und verhängte Strafen für ungebührliches Verhalten (Lachen oder Reinquatschen) während des Tribunals. Oli wirkte wahnsinnig erwachsen und reif. Wir haben gestern ein paar Runden miteinander Tischtennis gespielt. Er ist 16 und nimmt seine Aufgabe für die Gemeinschaft sehr ernst. Er erzählte mir, dass die Entscheidung seiner Eltern, ihn nach Summerhill zu schicken, die beste gewesen sei, die sie hätten treffen können, da er hier seine Stärken ausleben und weiterbilden könne. Er hätte hier erfahren, wie wichtig Gemeinschaft sei, auch wenn es einen manchmal nerve, wenn ständig über alles abgestimmt würde.

Mir ist aufgefallen, dass, wenn jemand in seinem Fall zu persönlich oder zu stark von eigenen Gefühlen beeinflusst wurde (gerade bei den Jüngeren kullerten schonmal die Tränen vor Wut), dies von der Gruppe mit lautem „he he“ quittiert wurde. Nicht der persönliche Ärger des Einen soll die Anschuldigung begründen, sondern der offensichtliche Regelverstoß.

Das Tribunal mitzuerleben war hochinteressant. Es war beeindruckend mit allem, was ich über Neill, sein Konzept, seine pädagogischen Leitideen gelesen habe im Hinterkopf dazusitzen und ganz „in echt“ zu sehen, welche Demokratie an dieser Schule seit Jahrzehnten gelebt wird. Dennoch, ganz wohl war mir nicht dabei. Der Ernst, mit dem die Versammlung betrieben wurde, wirkte unkindlich. Ich meine, die jüngsten Schüler sind gerade 5!? Außerdem frage ich mich, ob die Anklage nicht zum reinen Petzen wird. Wo werden hier die Grenzen gezogen? (Wenn denn überhaupt welche gezogen werden.) Ist Schlagen nicht schlimmer als aus dem Fenster zu springen? Für mich auf jeden Fall eine ganze Menge zum Nachdenken. Ich werde mich jetzt ins White Horse verziehen und mich mal durchs angepriesene stout beer arbeiten. Klug eingesetzt spart das die Abendmahlzeit, hey, ich hab schließlich nur b&b!

Ach übrigens, um in Summerhill zu unterrichten, muss lediglich ein Lehrerpraktikum vorgewiesen werden. Ab morgen bin ich dran! Oh, oh.

*tbc*