Chaos, blankes

Für heute bin ich fertig. Völlig alle, erledigt, entnervt.

Die Drittklässler in Kunst (KUNST, fast mein Lieblingsfach! Wie konnten sie nur!) – ein einziger Sauhaufen. Als hätten sie noch niemals auch nur einen Pinsel aus der Nähe gesehen. Farbe? An Händen, Wänden und Kleidung. (Geschrei.)

Zwei Stunden, die so dermaßen aus dem Ruder liefen, dass mich die blanke Verzweiflung packte. (Für die Nichtlehrer: Das fühlt sich dann so an, als würden die Eingeweide von einer zähen Pickelschicht überzogen werden. Der einzige Gedanke, der einen dann heimsucht, ist: Flucht, Flucht! Kein schönes Gefühl.) Ja, ich wäre tatsächlich am liebsten weggerannt. Die Lautstärke, das ständige „FrauWehFrauWehFrauWeh“, Platzgerangel, der hat aber den Ellbogen auf meinen Tisch gelegt! (Geschrei), Überschwemmungen (noch mehr Geschrei).

Du liebe Güte!

Nun mit ein wenig Abstand, einer ordentlichen Portion künstlich zugeführtem Serotonin und einer geringen Menge Selbstmitleid ausgestattet muss ich erkennen, dass die Stunde gleich mehreren groben Planungsfehlern zum Opfer fiel. Es war ein blöder Fehler anzunehmen, dass die Drittklässler Magenta als Rot akeptieren, nur weil ich das so sage. (Geschrei.) Es war ein noch blöderer Fehler den Kindern Zeitschriften für eine Collage zur Verfügung zu stellen, die doch tatsächlich Werbung für Duschgel oder Bodylotion enthielten. Hormonalarm bei den Kerlchen. Als hätte ich den Playboy verteilt und nicht die Brigitte. Heiße Öhrchen und Hitzewellen. (GeschreiGeschreiGeschrei.)

Es ließe sich noch mehr hinzufügen, aber ich kann nicht mehr. Also hake ich den Tag ab. Kommt doch morgen schon die nächste Chance auf pädagogische Glanzleistungen.

Und Punkt.

Endlich Ruhe.

Die Sache mit der Demokratie

…ist wahrlich keine leichte.

Klassensprecherwahl bei den Drittklässlern.

Was wurden doch im Vorfeld für redliche Charaktereigenschaften benannt, über die ein guter Klassensprecher – natürlich auch in weiblicher Form – verfügen müsse! Nett und freundlich solle er sein, unparteiisch und gerecht, selbstbewusst und redesicher. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!

All dies ist nun nichtig angesichts der kribbelnden Aufregung, die die Klasse ergreift. Es gilt den eigenen Namen an die Tafel zu bringen. Das ist, was zählt! Oh, diese Ameisen im Bauch, diese Vorfreude! Namen über Namen konkurrieren um Glanz und Glorie des Amtes und bilden einen basisdemokratischen Flickenteppich. Die Stimmung ist gelöst, der Kongress tanzt. Mein eindringliches Zureden trifft auf taube Ohren. Alle fühlen sich wie gemacht für den Posten.

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße: Abgeschlagen mit je einer Stimme* dümpeln all die Willigen auf der Wandtafel. Doch – Überraschung! – ein Kandidat hat die große Pause erfolgreich genutzt, um sich seines Gefolges zu versichern. „Wenn du mich wählst, dann…!“ verspricht er mit großer Geste. Mit acht Stimmen strahlt Sinan, der bisher eher durch ungemachte Hausaufgaben und tägliche Raufereien auffiel, nun siegesbewusst in die Runde: „Ich nehme die Wahl an und morgen bringe ich Kuchen für alle mit!“

Dann wäre er immerhin ein Politiker, der seine Wahlversprechen hält.
*(früher hieß es immer „Selbstwahl stinkt!“, aber das kam vermutlich erst in der Mittelstufe.)

10 Dinge

…die eine Orchesterprobe wenn schon nicht zum Scheitern, dann aber wenigstens an den Rand des gerade noch Möglichen bringen:

  1. Eine kapitale Libelle, die wie ein brummender Hubschrauber durchs geöffnete Fenster fliegt und ganz offensichtlich ein Problem mit blockflötenden Mädchen hat, auf die sie sich alsbald mit abnormem Tempo stürzt.
  2. Ein abgerissener Knopf, egal wo.
  3. Ein offenstehender Reißverschluss, ebenfalls egal wo. (Aber dort besonders.)
  4. Ein Erstklässler, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt und erschreckt „Huh!“ ruft.
  5. Frau Schmitz-Hahnenkamp, die zur Tür hereinstürmt, mit einer Metallplatte herumwedelt und nach dem dazugehörigen Metallophon fragt. (Es steht in ihrer Klasse.)
  6. Fehlendes Ventilöl, das kurzerhand durch beherztes Hineinspucken ins Instrument ersetzt wird. (Wuäh!)
  7. Ein Beamer, der plötzlich laut surrend anspringt und merkwürdige Dinge auf die Wand projiziert, weil jemand vergessen hat, das Laptop auszustöpseln.
  8. Ein Kind, das dringend auf seiner Geige vorspielen möchte und schon seit zwei Wochen Unterricht hat.
  9. Die Kombination aus einer B-Trompete, einer Es-Klarinette und 7 Kindern, die Klavier spielen. An einem Klavier.
  10. Eltern von immerhin 9 Kindern, die ihren Nachwuchs zum Schulorchester anmelden, obwohl dieser noch nie in seinem Leben ein Instrument in der Hand hatte.

Hurra, die neue CrazyFunkyChicken-Saison hat begonnen! :mrgreen:

Frau Schmitz-Hahnenkamp

Es ist eine Frage der Zeit, wann es zum Ausbruch kommt. Ich spüre bereits erste Erschütterungen.

Das neue Schuljahr ist gerade eine Woche alt und meine Magenschleimhaut verpickelt sich schon vor lauter Ärger. Kollegin Schmitz-Hahnenkamp treibt mich in den Wahnsinn. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob sie das aus Berechnung tut, oder ob es wirklich Menschen gibt, die einfach so sind.

Jeden Tag ist irgendwas, das sie mir brühwarm und mit äußerster Empörung vorhält:

  • Mittwoch, 1.Schultag: „Dein Giuliano hat meine Mia-Sophie auf dem Schulhof ganz brutal zur Seite gestoßen! Das hat der auch im letzten Schuljahr immer schon gemacht.“
  • Donnerstag, 2.Schultag: „Also deine Celina, die weiß ja in Mathe überhaupt nichts! Sollen wir die nicht lieber mal ganz schnell an die LB-Schule abgeben ehe es zu spät ist?“
  • Freitag, 3.Schultag: „Du möchtest, dass ich mich auf dem Elternabend deinen Eltern vorstelle? Nein, das mache ich eigentlich nicht. Die können ja zu mir kommen, wenn etwas ist. Und die Lerninhalte erklären? Also da können die wirklich mal ins Mathebuch gucken!“
  • Montag, 4.Schultag: „Dein Sinan benimmt sich UNMÖGLICH! Du hättest mal hören sollen, was der zu meiner süßen kleinen Daphne gesagt hat! Dem habe ich eine Woche Pausensperre gegeben. Der guckt ja auch schon morgens immer so böse auf dem Schulhof rum. Ganz böse!“
  • Dienstag, 5.Schultag: „Ich finde es besser, wenn deine Kinder in meinen Klassenraum kommen für Mathe. Ich unterrichte lieber in meinem Klassenraum. Ach, du meinst, ich müsste dann dort auch Platz für Material schaffen? Nein, darüber habe ich noch nicht nachgedacht, das können die doch jedesmal mitnehmen!“
  • Mittwoch, 6.Schultag: „Nein, ich habe die Brotdosen deiner Klasse nicht kontrolliert! Ich habe nur diejenigen besonders hervorgehoben, die gesundes Vollkornbrot dabeihatten! Dass Nino sein Marmeladenbrot dann weggeworfen hat, habe ich nicht gesehen. Und die Mutter hat sich wirklich schon deswegen bei dir beschwert? Was fällt der denn ein? Das ist ja unmöglich! Die sollte sich lieber mal Gedanken um ein gesundes Frühstück für ihren Sohn machen. Der ist übrigens ganz schön frech!“

Ehrlich, ich brech zusammen!

Nix zu jammern

Also die Drittklässler sind schon ein komisches Völkchen.

Den genauen Grund kenne ich nicht, aber jedesmal, wenn ich Aufmerksamkeit fordere, schauen sie mich verdattert an. Manche reagieren regelrecht empört („Aber ich rede doch gerade mit Lorenzo!“), wenn ich sie aufrufe. Dennoch stellen sie fest, dass sie schon viel leiser sind als noch vor einer Woche. (Und sie wirken nicht einmal unzufrieden dabei.)

Tatsächlich ist es Arbeit. Aber irgendwie auch schöne. Klassenklima und so kann ich eigentlich ganz gut. Außerdem bin ich ja heilos froh, dieses Jahr mal kein erstes Schuljahr zu haben. Ehrlich, ich habe mir eine Erstklässler-Auszeit verdient! Drittklässler sind so – wie soll ich sagen – herrlich entspannend 😀 Sie wissen, wo das Klo ist und wie man es benutzt. Sie wissen, wo der Kakao steht und wie man das Loch in den Deckel piekst, ohne dass Blut fließt.

Und: Sie wissen, wie die Kaffeemaschine funktioniert!

Immer, wenn ich es mir zur Frühstückspause im Vorlesesessel* bequem mache und zu lesen beginne, düst ein flinker Drittklässler zum Regal und drückt aufs Knöpfchen. Na, ist das ein Leben?

Gestern allerdings habe ich eine Tasse heißes Wasser gereicht bekommen. Auf mein irritiertes Nachfragen antwortete der kleine Grabowski: „Haben Sie eben gehustet, habe ich Tee gemacht. Aber kein Beutel war da. Tja, weiß ich auch nix.“  Und da beschwere ich mich über mangelnde Aufmerksamkeit!

Wie war denn euer Start? Habt ihr auch Erstklässler-Auszeit oder steckt ihr mittendrin im Anfangs-Chaos? Genießt ihr die (zweifelhafte) Arbeitsmoral im vierten Schuljahr oder seid ihr sogar ganz froh, die letzte Klasse abgegeben zu haben?

Ich freue mich auf Antworten,

herzliche Grüße

Frau Weh

 

* (gerne auch genutzt als Geburtstagsthron, Trosthöhle, Bühne fürs szenische Spiel etc.)

Die Liebhaberballons

Gestern bestellt und heute schon da. Offenbar hat der Ballonlieferant nur auf mich gewartet. Turbomäßiger Versand in – wie angekündigt – neutraler Verpackung und mit gänzlich nichtssagendem Absender. Alles planmäßig.

Und was soll ich sagen?

Die Dinger sind der blanke Wahnsinn!

Noch nie, nie, nie in meinem Grundschulleben habe ich mit so festen, strapazierfähigen und riesigen Luftballons gearbeitet. Oh, ich bin zum Fan, ach was sag ich, zum Jünger geworden! Prall, sattschwarz, tatsächlich leicht zu knoten – es ist eine wahre Wonne.

Allerdings habe ich mich nicht getraut, den Probeballon bis zum möglichen Durchmesser von 35cm aufzupusten, bei 29cm habe ich vorsichtshalber aufgehört. Daran zeigt sich, dass ich wohl noch lange nicht zum harten Kern der wahren Ballonfans gehöre. Aber 29cm sollten für einen durchschnittlich großen Drittklässler ausreichen. Schließlich werden die Kinder schon genug gefordert, wenn sie mehrere Schichten Transparentpapier auflegen müssen. Das ist schon Arbeit genug.

Und was das vielgelobte Aufblaserlebnis anbelangt, so traue ich mich kaum es aufzuschreiben, aber selbst das gelang mühelos. Nix mit dicken Backen und schmerzenden Ohren (schöner Gruß an die sonst so gepeinigte eustachische Röhre).

Boah, wie toll! Nie wieder andere Ballons! 😀

 

 

Herr Weh grinst

Und zwar breit. Sehr breit. Ob über meine grenzenlose Naivität oder die Sache selber, lassen wir mal dahingestellt. Fakt ist, ich habe gerade offensichtlich Sexspielzeug gekauft. 30 Stück. Für die Drittklässler. Das muss ich erstmal verdauen.

Dabei fing alles so harmlos an. Ich habe mir Gedanken über die anstehenden Laternen gemacht. Da ich mit der letztjährigen Kleisterei so zufrieden war, wollte ich für dieses Jahr ein ähnliches Modell. Meine Wahl fiel auf ein recht großes Modell. Damit die Laternen auch beeindrucken – die Drittklässler wollen etwas zum Herzeigen! – müssen große, birnenförmige Ballons benutzt werden. Und so nahm die Geschichte ihren unerwarteten Lauf. Diese Luftballons kriegt man nämlich nicht überall und als vollbeschäftigte Mutter habe ich weder Zeit noch Lust mich auf die große Suche zu machen. Also muss das online gehen.

Im großen Auktionshaus mit den bunten Buchstaben wurde ich fündig. Zugegeben wunderte ich mich ein wenig über den leicht entrückten Gesichtsausdruck der Models auf den Fotos – ich wunderte mich auch, dass überhaupt Models auf einem Foto für Luftballons zugegen waren, aber gut. Der Hinweis, dass die Ballons über einen extrem leicht zu knotenden Hals verfügen, fand ich sogar recht praktisch. Jeder, der schon für eine ganze Klasse Ballons aufgepustet und verknotet hat, würde das zu schätzen wissen! Dass der Verkäufer hingegen betonte, er würde in unauffälliger Verpackung und mit neutralem Absender versenden, hat mich leicht irritiert. Andererseits, wen kümmerts? Der Preis war gut, die Größe fantastisch (35cm Durchmesser! Die anderen mögen mit ihren Laternchen zum Martinsfeuer leuchten. Wir werden das Martinsfeuer sein!). Also 30 Stück bestellt.

Unmittelbar nach der Kaufbestätigung traf mich der Blitz der Erkenntnis.

Oh…ha!

Die Fotos weiterer Kaufangebote spezieller Ballons im Großgebinde, die mir nun, da ich mich durch den Kauf offensichtlich als Eingeweihter geoutet habe, präsentiert wurden, zeigten nur noch eine verschwindend geringe Zurückhaltung. Da denkst du, du kaufst einfach nur Luftballons und dann… holla, die Waldfee! Ich pack da ja immer nur Kleistermatsche drauf, dabei wartet ein ganzer Kosmos voller Möglichkeiten auf den wahren Liebhaber praller Gummihaut. Schwankend zwischen Unglauben und Fassungslosigkeit („Holen Sie sich den prächtigen Topballon Smiley-Kiss nach Hause!“, „Erleben Sie wahre Extase mit Banana-Joe!“) beendete ich die Kaufabwicklung und holte tief Luft.

Jetzt mal ehrlich, wer von euch hat gewusst, dass es einen Markt für große, birnenförmige Luftballons mit besonders stabiler Gummihaut gibt? Na? Ich weiß jetzt immerhin, dass es dafür ein Fachwort gibt. Aber verzeiht, wenn ich es hier nicht verwende.

Doch ich lasse euch gerne beizeiten einen Erfahrungsbericht zukommen.

Also natürlich darüber wie das mit dem Kleistern geklappt hat!

1-2-3 eyes on ME!

„Also die waren ja sooo ruhig und diszipliniert. Und sie haben sich so viel Mühe gegeben!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp überschüttet mich in der Pause mit Erfolgsnachrichten aus meiner alten Klasse. Leise waren sie, nett untereinander und fast alle hatten ihr Material dabei. Toll, wirklich und so unerwartet! Nur mit Mia-Sophie, also da habe sie etwas Bedenken. Die Mutter habe sie ja bereits mehrfach in den Ferien kontaktiert und ihr mitgeteilt, dass außer dem Gymnasium nichts, aber auch gar nichts anderes in Frage käme und dass ich offensichtlich die Leistungen ihrer Tochter falsch beurteile. Ja, schlichtweg nicht die richtige Lehrerin für das Kind sei. Aber jetzt, wo Frau Schmitz-Hahnenkamp Zucht und Ordnung in den Haufen, pardon, die Klasse bringe, werde sicher alles gut und Mia-Sophies Stern werde endlich glänzen.

Die Kollegin erzählt und erzählt, mittendrin lässt sie geschickt einfließen, dass sie morgen aber noch nicht bereit wäre, Mathematik in meiner neuen Dritten zu unterrichten, sie erstmal Zeit für die eigene Klasse bräuchte und überhaupt. Ich höre nur mit einem halben Ohr zu, habe ich doch gerade vier Stunden mit den neuen Drittklässlern hinter mir. Vier Stunden, in denen mir schmerzlich bewusst wurde, dass ich offenbar im letzten Schuljahr wirklich gute Arbeit in der Parallelklasse geleistet habe. Viele der neuen Dritten sind laut, pöbelig und wenig interessiert an dem, was da vorne so passiert. Der Erzählkreis entgleist, eine Meldekette kennen sie nicht, in der Pause kommt es zur ersten Prügelei. „Achtsamkeit und Anerkennung!“, schießt mir durch den Kopf als ich überlege, wie ich hier am besten beginne. „Und Aufmerksamkeitstraining“ füge ich noch in Gedanken hinzu, als mir Kai zum wiederholten Male ins Wort fällt.

Ich führe einen Aufmerksamkeitscatcher ein und rufe „1-2-3 eyes on ME!“, woraufhin mich alle (fast alle, Giuliano erklärt seinem Nachbarn gerade augenrollend, dass er gar nicht wüsste, warum seine Mutter ihm sechs Schreibhefte eingepackt hätte. Sechs!) neugierig anblicken. Ich erkläre den Drittklässlern, dass sie diesen Satz mit einem lauten „1-2 eyes on YOU!“ zu beantworten hätten,  wobei sie bei YOU auf mich zeigen und danach den Mund zu halten haben. Es wird gekichert, Englisch ist immer gut. Wir üben.

Und üben noch einmal.

Und wieder.

Am Ende des Schultages klappt es eigentlich schon ganz gut. Und morgen sehen wir weiter.

Gedankenblasen

Jason ist auch heute Thema Nr.1. Im Lehrerzimmer brodelt es. In meinem Kopf auch. In den vielen Kommentaren auf den gestrigen Beitrag lese ich, dass die Inklusion alle Beteiligten sehr beschäftigt. Natürlich, ist es doch unsere tägliche Arbeit, die davon unmittelbar betroffen ist. Eine Arbeit übrigens, die die meisten meiner Kolleginnen mit enorm hohem persönlichen Einsatz leisten. Oft über eigene Grenzen hinweg.

Wer diesen Blog bereits etwas länger als einen Tag verfolgt, wird herausgelesen haben, dass ich bereits inklusiv arbeite und zwar aus der Überzeugung heraus, dass jedem Kind die bestmögliche Beschulung zukommen sollte, unabhängig von seiner Herkunft, seinem sozialen Status oder anderen Kriterien. Aber – und damit greife ich einen Aspekt auf, der auch in den gestrigen Kommentaren fiel – wie so viele betroffene KollegInnen bin auch ich nunmal keine studierte Sonderpädagogin. Und daran ändern auch die zahlreichen Fortbildungen der letzten Jahre nichts.

Auf einmal sollen die Grundschullehrer all das leisten können, wofür die Kollegen der Förderschulen lange studiert haben? Das ist doch ein schlechter Scherz! Wir haben übrigens keinen Sonderpädagogen an unserer Schule, es ist nämlich laut zuständigem Schulrat niemand verfügbar für Grundschulen, die zwar inklusiv arbeiten, aber noch nicht den amtlichen Stempel des Gemeinsamen Unterrichts führen. Ach, Moment… ich habe einen ungelernten Integrationshelfer und die Telefonnummer einer Förderschulkollegin bekommen, die ich anrufen kann, wenn etwas ist. 25 Kinder, ein Kind mit nicht näher bezeichneter tiefgreifender Entwicklungsstörung, ein Sprachförderkind, ADHS, ADS, LRS, Dyskalkulie, Jugendamtskandidat Lennox, seit Montag plötzlich ein neues Kind mit vermuteter Lernbehinderung und nicht zu vergessen der ganz normale Wahnsinn einer ganz normalen Grundschulklasse mit Supermom auf der anderen Seite („es ist ja so richtig, dass die ganzen armen Kinder hier einen Platz bekommen, aber wir halten bitte im Auge, dass Mia-Sophie aufs Gymnasium gehen wird….!“). Es ist immer irgendwas.

Nein, ich bin nicht gegen Inklusion, aber ich bin dagegen, dass sie ohne Sinn und Verstand einfach von oben durchgesetzt wird. Mag sein, dass Wege durchs Gehen entstehen; wohler würde ich mich fühlen, wenn ich auch ein qualifiziertes Team und gute Ausrüstung bei mir wüsste.

In diesem Sinne ein gutes Wochenende,

herzlichst Frau Weh

P.S. Neben dem vielen Zuspruch bedanke ich mich auch für die Suchanfrage nach den „strammen Schenkeln der Lehrerin“. Es hat mir ein breites Lächeln verursacht 😉

Gemeinsamer Unterricht – einfach teilhaben

Kein guter Tag.

Zu Beginn der Pause rennen die Zweitklässler aufgeregt zurück in die Klasse: „Frau Weh, Frau Weh, der Jason greift Frau Sommer an!“

Irritiert laufe ich auf den Flur. In einer Traube von Kindern liegt Jason schreiend und tretend auf dem Boden. Über ihm die Kollegin, die ihn zu beruhigen versucht. Ich scheuche die Kinder auf den Pausenhof und versuche herauszuhören, was vorgefallen ist. Jason wollte vor dem Pausenzeichen auf den Hof laufen, die anderen Kinder haben ihn zurückgehalten, daraufhin ist er ausgetickt. Jetzt windet er sich kratzend, beißend, tretend und beschimpft die konsternierte Frau Sommer. Ich komme ihr zu Hilfe, immer noch völlig irritiert. Solche Vorfälle haben wir hier noch selten. Jason ist nicht zu beruhigen, wir lassen ihn weiter wüten und räumen sein Umfeld frei. Ein angebotenes Taschentuch schlägt er mir aus der Hand „Sie sind alle Wichser!“. Ich greife seine Handgelenke locker und sage in bemüht ruhigem Ton, dass es jetzt reicht und wir uns unterhalten können, wenn er sich wieder beruhigt. Er schlägt mir die Fingernägel in den Arm und tritt Frau Sommer in den Bauch. „Lasst mich alle in Ruhe!“

„Lasst mich alle in Ruhe!“, denke ich als ich nach dem Unterricht bei Chefin im Büro sitze und mir anhöre, dass Jason ihr leid tue: Die Familienverhältnisse, die bisherige Schullaufbahn mit bereits erfolgter „besonderer Beschulung“, die jetzige Probezeit in der Regelschule. Er wolle das alles schließlich gar nicht, aber sein Verhalten sei seinem Unvermögen geschuldet sich verbal ausdrücken zu können. Ich lasse die Schimpfwörter in Gedanken noch einmal an mir vorbeiziehen. Meine Handgelenke sind zerkratzt, die Stellen haben mittlerweile zu bluten aufgehört. Die Zweitklässler waren so entsetzt, dass in der anschließenden Unterrichststunde Totenstille herrschte. „Tut es doll weh?“ Nein. Nur innendrin. Chefin will unbedingt Gemeinsamen Unterricht. Schließlich werden jetzt alle Grundschulen sogenannte GU-Schulen. Da dürfen wir doch nicht mauern! Tue ich das? Stelle ich mich einer notwendigen Reform in den Weg? Ja, ich mache mir Sorgen. Mehr als das, ich habe Angst davor alleine in einer Klasse mit 29 Kindern auch noch 6 Jasons sitzen zu haben. Denn schließlich sind es die Förderschulen mit dem Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung, die zuerst geschlossen werden und deren Schüler auf die Regelschulen rückgeführt werden sollen. Mir erschließt sich der Sinn nicht. Wo liegt der Vorteil einer gleichartigen Beschulung aller? Wer bildet uns Lehrkräfte nachträglich dafür aus? Und wer vertritt die Rechte der anderen Schüler auf „normalen“ Unterricht?

Das schreibt das Ministerium für Arbeit und Soziales zu Gemeinsamem Unterricht, Inklusion und Integration.

Ich fühle mich hilflos, unfähig, wütend, unqualifizert. Nein, wirklich kein guter Tag.