Wilde Weibchen

Religion, 3.Schuljahr. Kirchentermin.

Die Drittklässler stehen bewaffnet mit Taschenlampe und Lupe im Kreis um den Taufstein und versuchen das Wappen der edlen Stifter zu entschlüsseln. Lilien, Falken, kein Problem. Einzig die in Stein gemeißelten Vierbeiner, Wappentiere derer von und zu, bereiten Probleme.

„Ich habs, das sind Füchse!“, ist sich Yannick sicher.

„Nee, kleine Pferde! Das sind ja wohl voll die kleinen Pferde. So Minipferde. Wie heißen die noch?“, fragt Thorben.

„Schepezewallipferde!“, Lara war am Wochenende mit den Eltern im Zoo.

„Nee, die gibts gar nicht“, widerspricht Lilli, passionierte Voltigiererin. „Wenn, dann sind das Shetlandponys.“ Die anderen protestieren lautstark. Munter geht es weiter: Füchse! Luchse! Hunde! HUNDE! Ja klar, jetzt fällt es allen wie Schuppen von den Augen, das sind doch Hunde. Sieht doch jeder Blinde. Hö hö. Wie einfach.

Mit schnellem Blick auf die Uhr versucht der Schulpfarrer die Kinder in die Richtung derer von Wolfenstein zu manövrieren und gibt den vermeintlich entscheidenden Hinweis:

“ Na, wie heißen denn die Vorfahren der Hunde? Damals, als die Hunde noch ganz wild waren?“

„Aaaaah!“, Thorben klatscht sich die flache Hand auf die Stirn, jetzt hat er es! Ganz sicher ist er sich und lässt sich Zeit mit seiner Antwort: „Das sind dann Weibchen!“

Gastbeitrag

Lieber Patrick,

da dieser Kommentar nach Herrn Wehs (und auch meiner) Meinung zu schön ist, um einfach im www unterzugehen, habe ich mir die Freiheit genommen und setze ihn hier einfach noch einmal groß rein. Soviel Solidarität unter (Grundschul-)Lehrerinnengatten sollte wirklich unterstützt werden! Und von mir aus dürfte Herr Weh hier gerne öfters schreiben, macht er ja schließlich äußerst nett. Und wenn ich so beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe behilflich sein kann, bin ich das wirklich gerne. Et voilà:

Um einmal Ihrem Wunsch nach mehr Kommentaren nachzukommen: Sie sind tatsächlich nicht allein, Herr Weh!

Auch ich gehöre der Spezies der Grundschullehrerinnen-Gatten an und bin großer Anhänger dieses Blogs – zumal ich manchmal glaube, meine Frau Weh (ich habe auch eine) würde diese Zeilen verfassen, so bekannt kommen mir die Erlebnisse vor. Wenn es dann um das musikalische Talent Ihrer Frau Weh geht, bin ich mir dann doch wieder sicher, dass es sich nicht um die selben Personen handelt (meine Frau Weh singt zwar auch, mit gar…räusper…lieblicher Stimme…aber lassen wir das).

Wie dem auch sei, Sie können sich meiner Solidarität gewiss sein. Vielleicht könnten wir sogar eine Interessenvereinigung gründen, die sich für die Förderung unserer Qualifikation einsetzt: Duden-Kurs, um beim Korrekturlesen der Elternbriefe keine Fehler zu übersehen; Bastel-Workshop, um bei der Unterrichtsvorbeitung mit Schere und Kleber endlich einmal eine produktive Hilfe zu sein; Kommunikationswochenende zur Vorbereitung auf unsere Rolle als Begleiter zu außerschulischen Veranstaltungen, bei denen man gegenüber den Eltern einen guten Eindruck machen muss; vielleicht schaffen wir es auch, für uns die Chance auf Verbeamtung zu erwirken, denn diese Möglichkeit war in der Stellenbeschreibung bisher gar nicht vorgesehen.

Also, Herr Weh, bleiben Sie dran, ich bleib es auch!

Und an Frau Weh: Ich fordere, dass Herr Weh regelmäßig in diesem Blog zu Wort kommt. Denn auch ich bin auf Tipps und Tricks Gleichgesinnter angewiesen und freue mich stets, zu hören, dass andere Grundschullehrerinnen-Gatten irgendwo da draußen sind…

Es ist nicht immer einfach…

Hallo ich bin´s, Herr Weh.

Es ist mal wieder so weit. Die Dame des Hauses weilt auf einem MusiklehrerTralalaWochenende und hat mich gebeten sie würdig zu vertreten. Das ist natürlich gar nicht so leicht. Aber ich gebe mir Mühe.

Es ist nicht immer einfach ein Lehrerinnengatte zu sein. Vermutlich gibt es nur wenige Berufe, in denen arbeitet man nicht nur, man lebt sie. Grundschullehrerin ist definitiv einer davon. Manchmal sogar rund um die Uhr.

So auch im Hause Weh. Die Metamorphose von der tollsten Ehefrau der Welt* (Frau Weh) zur tollsten Grundschullehrerin der Welt * (Frau Weeeeheh) dauert nach dem Erwachen oft nur Sekundenbruchteile. Die Rückverwandlung wiederum kann deutlich länger dauern und findet gelegentlich erst im Schlaf statt.

Das ist an sich alles gar nicht so schlimm. Ich finde es toll, wie sehr meine Frau ihren Beruf liebt. Doch es gibt Tage, da kommt es mir vor, als fände Schule nicht auf dieser Welt statt, sondern irgendwo da draußen, ganz weit draußen. So abstrus erscheinen manche Vorschriften und Abläufe des Schul(verwaltungs)systems für einen armen Außenstehenden wie Herrn Weh, der ja nur das „normale“ Berufsleben in der freien Welt kennt (Hah, alleine die Vorstellung, mein Chef könnte meine Kündigung (also den Versetzungsantrag) bis zu fünfmal ablehnen, weil…ja, warum eigentlich?) Vielleicht erfindet Frau Weh diese Geschichten auch nur um mich zu unterhalten, meine Gutgläubigkeit oder meinen Verstand auf die Probe zu stellen? Auch nach all den Jahren an ihrer Seite kommen mir da manchmal noch Zweifel.

Doch zum Glück gibt es ja die Kuschelpädagogik. Denn dank der vielen Reaktionen auf Frau Wehs Geschichten weiß ich nun endlich und mit absoluter Gewissheit: Es ist alle wahr!  Und da einige Kommentare (aber leider noch viel zu wenige) sogar von der Spezies des Grundschullehrergatten stammen weiß ich jetzt auch: Du bist nicht allein, Herr Weh!

Mit dieser Erkenntnis beende ich meine kurze Vertretungsstunde und nutze die Gunst des Augenblicks, um allen fleißigen Lesern und Kommentatoren zu danken, die es mir möglich gemacht haben, meine Frau und ihren Beruf mit all seinen positiven und negativen Aspekten, aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen zu lernen.

Macht weiter so!

*Natürlich rein subjektiv durch die rosarote Herr Weh Brille betrachtet.

Ich packe meine Sachen und bin raus, mein Kind…

Heute hab ich ja mal gar keine Zeit zum Schreiben. Morgen geht es ins schöne Münsterland zur dreitätigen Musikfortbildung, die der nette Herr Dorok mit anderen fleißigen Lieschen auf die Beine gestellt hat. Das Programm klingt vielversprechend. Noch vielversprechender finde ich allerdings die Aussicht, drei Tage mit lauter Musikern auf einer Wasserburg zu verbringen. Der Musiker an und für sich hat ja öfters einen leichten Sockenschuss… es wird also bestimmt herrlich! 😀

Jetzt muss noch gepackt und die Wehwehchen geherzt und geküsst werden, drei Tage sind schließlich eine lange Zeit! Damit der blog nicht so brach liegt während ich mich vermutlich feist vergnüge, hat sich Herr Weh zum morgigen Gastbeitrag bereit erklärt. Wenn die reizende Frau H., auf die ich mich neben meinem Freund Marten natürlich ganz besonders freue, Wort hält und ihr iPad mitbringt, schaue ich vielleicht mal ganz incognito vorbei.

Euch allen ein wunderbares Wochenende, ich packe jetzt Schokolade, Bongos und die Ohrenstöpsel in eine ganz schön strapazierte Papiertüte und bin dann mal weg…

 

 

Brot und Spiele

„Das ist total unfair!“

Tom1 ist empört. Letzte Woche hat Lennox zweimal einen Vollkornzwieback von mir bekommen und gestern ein Hustenbonbon. Außerdem darf der Lennox immer länger dableiben und dann spielen. SPIELEN!!! Und er? Nie kriegt er was und überhaupt bevorzuge ich Lennox dauernd. Ach was, andauernd! Und das, wo der sich so benimmt!

Lennox motzt derweil laustark rum und ergeht sich in zahnlosen, aber durchaus kraftvollen Drohgebärden. In der 2.Stunde hat er seine Sachen vom Tisch gefegt und die restlichen 40 Minuten vor Wut zitternd an seinem Platz verbracht. Seine Sitznachbarn hatten ihn gefragt, ob denn endlich mal Zähne kämen. Nun sitzt er am Tisch, den bösen Blick auf mich geheftet, die Finger in den Ohren is mir doch alles egal! Frustrationstoleranz? Aggressionskontrolle? Mir doch egal! Scheißschule! Ich geh jetz nach Hause, Playsi spielen!

Manchmal könnte ich die Zweitklässler auf den Mond schießen. Und einige noch ein bisschen weiter weg…

Fakt ist, Lennox braucht Hilfe. Auf die eine, die andere und noch manch andere Weise. Ein bisschen fruchtet es ja schon, er lächelt häufiger, seine Wutausbrüche sind weniger geworden, manchmal macht er seine Hausaufgaben (oder wenigstens Teile davon). Er geht mittlerweile fast willig mit in die verschiedenen Förderstunden, die ich ihm verpasst habe (von wegen länger bleiben und spielen) und zu Weihnachten gab es tatsächlich neue Schuhe. Trotzdem fehlt es an so vielen Dingen. An Frühstück beispielsweise oder an Arztbesuchen bei hartnäckigem Husten. Aber das sehen die anderen Kinder nicht. Die sehen keine Zahn- und Wissenslücken, die sehen Zwieback und Bonbons und Spiele.

So wie ich – wider besseren Wissens, aber verdammt, ich bin auch nur ein Mensch! –  so häufig das ätzende kleine Wutpaket sehe, das sich in meinen Arm krallt, Scheißschule! brüllt und das ich gelegentlich am liebsten per Express in eine Förderschule abschieben würde*.

Wenigstens aber auf den Mond.

 

* (Tu ich aber nicht, mir doch (fast) egal!)

 

 

Kurzwoche

So, da bin ich wieder. Die freien Tage haben gut getan, waren aber verblüffend schnell wieder vorbei. Ähnliches äußerte auch Nick heute Morgen als er Justin angrunzte, dass er ihn nicht wirklich vermisst hätte. Er garnierte seine herzliche Begrüßung mit einem zärtlichen du altes Doofgesicht! und einem brüderlichen Karnickelfangschlag. Ganz anders Victoria und Pauline, die sich mir in die Arme warfen, als lägen nicht nur vier Tage sondern vier Jahrhunderte der Trennung hinter uns. Die Damen lieben es derzeit theatralisch. Ganz wie ihre großen Vorbilder Rocky und CeCe aus Shake It Up. Völlig überzogen, quietschig und sehr amerikanisch. Auf meinem Schreibtisch wartete derweil eine von Mia-Sophie im Karnevalszug geschnappte Rose, nebst der im Vertrauen zugeraunten Geheimbotschaft, dass sie nächstes Jahr Kinderprinzessin werde. Spannend, wo Supermom doch so eisern darauf achtet, dass das Kind keine Süßigkeiten zu sich nimmt. Armes Ding. Man stelle sich mal vor: Mia-Sophie auf dem Prunkwagen, die Arme voller Kamelle und im Täschchen eine trockene Reiswaffel in Bioqualität für den kleinen Hunger zwischendurch. Das klingt nach richtig viel Spaß.

Insgesamt lief der Tag gesittet und relativ ruhig ab. Selbst die Aufsicht war harmlos, was ich dem Sonnenschein anrechne. (Ich glaube bei Sonne passiert irgendetwas mit den Aggressionshormonen. Vielleicht schrumpeln sie ein oder so.) So war dann auch lediglich ein verletztes Kinn zu flicken und ein Carepaket (drei Rollen Toilettenpapier, zweimal Handtücher) in die Mädchentoilette zu schicken. Die restliche Pause konnte ich meine Nase in die Sonne halten und den Sommersprossen etwas Starthilfe geben. Von mir aus kann es gerne so weitergehen.

Tatsächlich war das aufregendste Erlebnis des Tages, dass ich mir im Musikunterricht bei den Viertklässlern einen Fingernagel abgerissen habe.

Beim Klavierspielen.

Zwischen zwei Tasten.

Wäre jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen, um über künstliche Nägel nachzudenken?

Nuppelalarm

„Der Nuppel ist weg!“

Panisch blickt sich die kleine Cellistin um. Synchron springen alle CrazyFunkyChicken auf und helfen bei der Suche. Ich seufze und pule mir die Ohrenstöpsel heraus während ich der Hilfsbereitschaft in ihrer perfekt aufeinander abgestimmten Choreographie zusehe. Während das Saxophon tröstet, rutscht die Percussiongruppe kniend den dreckigen Boden ab. Zentimeter um Zentimeter. Die Blockflöten suchen im Nebenraum. Typisch, da waren wir gar nicht drin. Die Trompete bietet als Ersatz ein Ventil an („mit dem spiele ich ja noch nicht.“) und der allseits praktisch veranlagte Frank (ein bestimmtes Instrument kann ich noch nicht zuordnen, wir probieren noch durch, wo der musikalische Kollateralschaden am geringsten ausfällt) überlegt, ob man vielleicht eins aus Kaugummi…? Die ganze Truppe brummt wie ein gut geölter Hummelschwarm. Ob Rimsky-Korsakov auch ein Schulorchester hatte?

„Da ist er ja!“

Triumphierend hält eine der atemlosen Querflötistinnen den wiedergefundenen Gumminuppel in die Höhe. Szenenapplaus. Glücklich lassen sich alle wieder auf ihre Hocker plumpsen.

„Hach“, meint einer der Klavier-Cajon-malsehenwasnoch-Spieler, „wir sind schon ein richtig gutes Team!“ Allgemeine fröhliche Zustimmung brandet auf.

Wie, frage ich mich später – wieder wohltuend verstöpselt – , wie kriege ich diese Harmonie nur ins Spiel?

68 Kinder, ein Bus und ich

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Frau Wehee, bis morgen!

Tschüss, Frau Weh!

Auf Wiedersehen, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Hast du meinen Handschuh gesehen?

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Spielen Sie Drückmich, Frau Weh?

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Kommt mich meine Mama heute abholen oder fahre ich mit dem Bus?

Tschüss, Frau Weh!

…hat mich getreten!

Gar nicht wahr!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Was haben wir als Hausaufgabe auf, Frau Weh?

Tschüss, Frau Weh!

Haben wir dich morgen, Frau Weh?

Bist du wieder gesund?

Was hatten Sie denn?

Tschüss, Frau Weh!

Hast du heute Busaufsicht, Frau Weh?

Auf Wiedersehen!

Ich habe meinen Turnbeutel vergessen!

Nein, ich habe keine Jacke mit.

Tschüss, Frau Weh!

IchmussnochganzschnellaufsKlo,FrauWeh!!!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Ich mach morgen Inselmusik, mein Papa hat schon was aus dem Internet abgeschrieben.

Tschüss, Frau Weh!

Hier stinkts!

Der Paul hat gebläht!

Überhaupt nicht, ich hau dich gleich!

Boah, geht doch mal rein!

Tschüss, Frau Weh!

Bis morgen, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

Ist heute Mittwoch? Da hab ich Betreuung. Glaub ich.

Der Erstklässler blockiert alles!

Mann ey!

Tschüss, Frau Weh!

Tschüss, Frau Weh!

(Und eine Mutter:)

SCHÖNEN FEIERABEND!

 

 

Dinge, auf die ich gut verzichten kann:

Konferenzen, die länger als zwei Stunden dauern zum Beispiel. Oder auch Magen-Darm-Grippe, ja, ohne die geht es mir viel besser. Ein kaputtes Auto ist ebenfalls so eine unschöne Sache oder Viertklässler, die sich während meiner Aufsicht die Nasen blutig hauen.

Heute richtig blöd (und fast ein Grund, dass auch ich mal jemandem kräftig auf die Nase hauen wollte) ist die Mutter, die ihren Sohn seit mittlerweile drei Jahren jeden Tag an der Klassentüre abholt, um ihm den Ranzen ins Auto zu tragen und die mir JEDESMAL wenn sie mich sieht einen SCHÖNEN FEIERABEND wünscht.

Ja, was denkt die sich denn? Dass ich tatsächlich um 13.30 Uhr fertig bin*?

Na toll!

*(Also nicht nur mit den Nerven… sondern so komplett.)

Laryngitis acuta

Es ist Montag und ich bin nicht in der Schule. Ich denke (fast) noch nicht einmal daran. Im Gegensatz zu manch anderen Unpässlichkeiten ist mir mein Kehlkopf nämlich heilig. Statt in der Schule war ich heute früh beim HNO-Arzt. Und es war mir ein bisschen peinlich. Nicht der Arztbesuch an sich, aber die Tatsache, dass ich die Praxis um 7.58 Uhr betrat und um 8.08 Uhr bereits wieder mit Rezept und Genesungswünschen versehen verließ. Just in dem Moment als ich im rappelvollen Wartezimmer nach der Gala von Dezember griff („Stress vor den Feiertagen? Heidi Klum verrät wie die Familie sie unterstützt“. Aha.), konnte ich auch schon rein. Der Privatbonus. Ja, sowas ist mir unangenehm. Denn tatsächlich bin ich zwar krank, aber es geht mir nicht unendlich schlecht. Dem Rentner neben mir mit dem zähgelben Auswurf geht es sicherlich viel schlechter. Ich hätte also durchaus noch die schnellen Rezepte für das glamouröse Feiertagsoutfit lesen können.

Stattdessen strecke ich brav meine Zunge raus, lasse mir den Kehlkopf spiegeln („eeeeeeeeeeeehhhh!“) und mir zufrieden erklären, dass ich tatsächlich zum ersten Mal früh genug gekommen wäre. Der Kehlkopf ist leicht enzündet, aber mit ein bisschen Spray, Paracetamol, viel Tee und Schweigen (haha, also wenn ich mal eine Sache so gar nicht kann, dann das!) sollte das schnell wieder hinzukriegen sein. Immerhin gibt es keinerlei unnötige Untersuchungen, keine langen tiefschürfenden Gespräche und auch keine Krankschreibung. Also alles in meinem Sinne. Dumm nur, dass die Apotheke noch zu hat und es bitterkalt ist. Wer rechnet denn auch mit sowas?

Ich gehe in den nahgelegenen Supermarkt und kaufe mir eine elektrische Zahnbürste („die neue Dimension: fühlbar glattere Zahnoberflächen in 3D“). Das war mal an der Zeit. Kurz überlege ich, ob ich mir als Ausgleich für die entgangene Wartezimmerlektüre eine glanzneue Gala zulegen soll, entscheide mich aber lieber für die Pflege innerer Werte und kaufe ein Mandel-Creme-Wölkchen, was offensichtlich mit viel Liebe und noch mehr guter Butter gebacken wurde. Ich streite mich kurz mit der äußerst motivierten Verkäuferin („aber die sind im AN-GE-BOT! Nehmen Sie doch zwei!“), weil ich wirklich nur eins von den Dingern essen möchte und lande dann schnaufend im Auto. Irgendwie bin ich doch nicht so fit. Noch auf der Heimfahrt vernasche ich das fluffige Teilchen, was ich zunächst mit leichtem Völlegefül, später dann mit hausgemachter Übelkeit bezahle. Immerhin fühlen sich meine Zähne nach dem Genuss tatsächlich äußerst glatt poliert an. Das lag wohl an den Mandelstiftchen. Ob ich die Zahnbürste wieder zurückbringen soll und doch ein zweites Teilchen…? Während ich an der Bahnschranke warte, überschlage ich kurz im Kopf, wie viele Teilchen ich für die Zahnbürste kaufen könnte. Es sind knapp 100. Ich bin beeindruckt, aber bevor ich wenden kann, ist der Zug durchgefahren und die Schranke ist wieder offen.

Zu Hause mache ich mir eine große Kanne Tee, schweige mal testweise ein paar Minuten und genehmige mir einen Sprühstoß. Gut, wenn ich morgen wieder was anderes zu erzählen habe!