Mad World

Ein ruhiger Tag heute. Montags habe ich zwischendurch eine Freistunde und die CrazyFunkyChicken sind schon in der wohlverdienten Winterpause, also war das Unterrichtspensum überschaubar. Die Zweitklässler sind gar nicht mal so aufgedreht wie es das nahende Weihnachtsfest vermuten ließe. Das Wochenende war schön. Warum also bin ich gerade so unzufrieden?

Ich komme bei Lennox nicht weiter. Letzte Woche kam er bei Regenwetter mit völlig durchnässten Schuhen in die Schule. Er hat nur dieses Paar, das nächste bekommt er zu Weihnachten. Es sind immer Halbschuhe, Winterstiefel gibt es nicht. Die letztjährigen Winterstiefel des mittelgroßen Wehwehchens, die ich ihm heute früh zum Anprobieren gegeben habe, passen. Und gefallen ihm auch. Mitnehmen wollte er sie trotzdem nicht. Stolz? Angst? Später am Vormittag hat er sich dann übel mit Tom2 angelegt und sich in meinen Arm verkrallt, als ich die beiden getrennt habe. Diese Aggressionsschübe hat er regelmäßig. Kontrolle gleich null. Er agiert wie ein Kleinkind, das voller Wut das Feuerwehrauto gegen die Wand hämmert. Der Psychologe sagt irgendwas von Verbleib auf frühkindlicher Phase. Der Mann vom Jugendamt sagt etwas von schwierigen Familienstrukturen. Ich sage „Du lässt mich auf der Stelle los!“ und fühle mich hilflos.

Auf den Hund gekommen

Pausenaufsicht. Malte aus der 4b kommt auf mich zugestürmt. Er reißt die Augen auf und verkündet mit gequältem Gesichtsausdruck:

„Frau Weh, ich hab eine ganz schlimme Hundeallergie!“

„Ok, Malte. Aber ihr habt keinen Hund.“

„Stimmt.“

Stille

„Aber ich muss eine Jacke aus HUNDEFELL anziehen.“

„Aus Hundefell? Sicher?“

„Ja! … nee. Ich zieh beim Theater für die Weihnachtsfeier eine Jacke vom Dennis an und dem sein Nachbar, der hat einen Hund. Und der… hat schonmal auf der Jacke draufgelegen.“

Von Konsumlust, Käuflichkeit und Klopapier

Ich will überhaupt kein iPad! Was soll ich denn mit einem iPad in der Schule anfangen? (Sebastian, weißt du da was zu?) Und warum wird auf einmal bei allen Fortbildungen, die Chefin besucht, damit geworben, dass die vorgestellten Produkte so wahnsinnig toll für den Musikunterricht wären?

Je mehr ich darüber nachdenke, umso verstimmter werde ich. Wieso ist eigentlich Geld für sowas da, aber keins für Seife in den Klassenräumen? (Von dem fiesen grauen IchwareinmaleinBaumundmusstesterben-Klopapier ganz zu schweigen.) Ich würde mich über das Planetenmodell freuen oder über einen kompletten Drum Circle. Wenns was mehr persönliches sein soll, dann gäb es da diesen einen entzückenden Mantel von Ewa i Walla oder endlich ein Paar nudefarbener Lackpumps in 37,5, die ich allerdings niemals anziehen werde, weil es in meinem Leben derzeit wenig Gelegenheiten dafür gibt. (Ich habe ein Faible für schöne, nutzlose Dinge.)

Ja, ich fürchte, ich bin bestechlich. Wenn ich mal im Kopf überschlage, was auf mein Bitten hin in den letzten Jahren für den Musikbereich angeschafft wurde, dann komme ich auf circa 100 Posten und eine recht stattliche Summe. Kleinpercussion, Effekte, verschiedene Trommeln, Keyboards, Roland, der Kasten, ein Mischpult, Boomwhackers, ein ordentlich großer Fernseher, neue CD- und DVD-Player, neue Boxen, neue Bühne, neuer Fußboden, letzte Woche der Satz Cajons. Fürs nächste Jahr füge ich der Liste ein paar eigene Funkmikros (also, wenn das morgen klappt, wenn nicht, wünsche ich mir ein Marimbaphon und ein Schlagzeug). Chefin macht es möglich. Wen interessiert die Haushaltssperre, wenn die Schule dringend einen Satz Sambainstrumente braucht? Dafür hat Chefin meinen größten Respekt.

Herr Weh bemängelt immer, dass bei Lehrern der persönliche (Mehr-)Einsatz nicht extra honoriert wird. Aber das stimmt so nicht. Vom Computerbereich einmal abgesehen, hat wohl kein Fachbereich unserer Schule in den letzten Jahren so aufgestockt wie meiner. Aber Chefin macht es nicht nur mir zuliebe. Vielmehr weiß sie, dass ich seit einiger Zeit mit dem Gedanken spiele, die Schule zu wechseln. Aber mit jeder Juju-Bohnen-Kette, die in meine Instrumentenschatzkammer einzieht, weiß sie, dass sie mir die Entscheidung schwerer macht. Denn mal ehrlich, wer gibt so eine Fülle auf, wenn er nicht weiß, wie die nächste Schule ausgestattet ist?

Romeo und Hallo, Julia!

„Frau Wehee? Wie heißt es denn jetzt richtig? Halle-lulja oder Halle-julia?“

Victoria ist sich nicht sicher, möchte aber auch nichts falsch machen.

Die Mehrheit der Kinder ist für Halle-lulja. Halle-julia finden sie allerdings auch recht hübsch. Außerdem war da doch irgendwas mit Romeo? „Aber dann sollte es *Hallo, Julia!* heißen. Das klingt doch schöner!“ findet Pascal. Meinen Vorschlag („Es heißt Halleluja. HAAALLELUUUUUUUUUJA.“) finden sie langweilig. Aber es liegt ja in der Natur der Sache, dass ein Lehrer oft den Part des Spielverderbers einnimmt. Man gewöhnt sich dran.

Es tut mir so leid, lieber Carsten, du merkst, ich muss noch einmal mit dem weihnachtlich vernudelten Song anfangen. Die Kinder lieben es nämlich. Sie legen einander die Arme über die Schultern und summen voller Wonne die Strophen mit. Und wenn dann der Refrain kommt… (und der Refrain kommt!)… dann schmettern sie inbrünstig ihre Version des Lobpreises und mir kriecht eine kleine Gänsehaut über die Unterarme, weil es eben irgendwie doch schön ist.

„Und Frau Weh, wenn du mal irgendwann keine Lehrerin mehr sein willst, dann gehst du zum Supertalent, oder?“ will Melissa aus der 3c wissen.

Natürlich. Aber ich bilde ein Duett mit meiner Kollegin Frau Sommer. Die singt nämlich nächste Woche die 2.Stimme dazu. Überhaupt, Frau Sommer und ich, da tut sich was. Ich bin seit diesem Schuljahr nicht mehr ganz so allein im Musikbereich und entdecke wieder, wieviel Spaß es macht, zusammen an einer Sache zu arbeiten. (Lehrer sollten sich generell viel mehr zusammentun und weniger ihr Einzelkämpferdasein fristen). Morgen üben wir. Nach der 6.Stunde. Da sollten die Stimmbänder ja langsam geölt sein. Ich freu mich drauf und überhaupt bin ich dieses Jahr überraschend entspannt in der Vorweihnachtszeit. Liegt bestimmt am Bloggen 🙂

Ice Ice Baby

Björks unverwechselbare Stimme dringt aus den Boxen. Sie perlt über eisklare Höhen, um anschließend in gletschertiefe Spalten zu stürzen. Sie stöhnt, wimmert und schreit. Sie säuselt, schmeichelt sich ein und liebkost ihre Zuhörer. Frau Gudmundsdóttir macht es den Viertklässlern nicht leicht. Sie sitzen wir erstarrt auf ihren Stühlen, bei manchen malt sich unverhohlenes Entsetzen auf den Gesichtern ab. Aber sie sind vorsichtig in ihren Äußerungen. Bläue ich ihnen doch seit jeher ein, dem Hörverhalten anderer mit Respekt zu begegnen. Es ist nicht alles Pop, was glänzt.

Ich lasse sie die Musik inhalieren und abschmecken wie einen besonders intensiven Rotwein beim Degustierseminar. (Mancher im Raum würde sie wohl auch gerne ohne Umwege in einen Blechnapf spucken.) Den landschaftlichen Besonderheiten der rauen Schönheit Islands versuchen wir uns durch Bilder von Fjorden, Geysiren und atemlos weitem Land zu nähern. In Erzählungen von Elfen und Trollen und dem Klang isländischen Folks (mit Eivor Pálsdóttir mute ich ihnen zugegebenermaßen extrem viel zu) suchen wir die einzelnen Einflüsse, aus denen Björk ihr Tongeflecht spinnt.  In Gruppenarbeit sollen die Kinder zu den Klängen Texte schreiben. Ich lese die Worte Einsamkeit, Traurigkeit und Angst, aber auch Stärke, Schönheit und gewaltige Natur. Manche bedienen sich des Elfchens als einfachem dichterischem Format:

Einsam

So stark

singt sie dort

Wind und stürmisches Meer

Verbunden

Sie haben es. Ich bin stolz auf die Viertklässler. (Und auch ein kleines bisschen auf mich.) Ich verzeihe all die rotzreifen Pietros, schnuckelpuppigen Mileys und milchgesichtigen Justins. Die Viertklässler sind soweit, dass sie anfangen, hinter die Klänge zu forschen, zu erkennen, dass Musik nicht nur alleine für sich steht, sondern ein Produkt vieler Faktoren darstellt. Dass man nicht alles schön finden muss, aber in allem etwas finden kann. Und sei es die Erkenntnis, dass man dieses Stück nun wirklich nicht noch einmal hören möchte.

Am Ende sind alle erschöpft. Ich frage, ob wir zum Abschluss noch ein bisschen ans Klavier zum Singen wollen.

Ins zustimmende Geschrei mischt sich eine große Portion Erleichterung 😉

 

Waka Waka

PROLOG:

Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und seufze. Die Schwerkraft zollt ihren Tribut. (Ich bezahle.) Die Schule zerrt an meinen Nerven. (Ich bezahle.) Wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass das Leben seine Spuren fast an jedem Körperteil hinterlässt. (Ich be zahle schließe die weitere Bestandsaufnahme zu vertagen und einen Kaffee zu trinken.)

„Frau Wehee?“

Es ist wieder soweit. Super, da bin ich ja mal richtig in Stimmung für. Ich habe es in dem Moment geahnt, in dem Melina aus der 4a S H A K I R A an die Tafel schrieb. In geschwungenen Buchstaben. Mit Herzchen auf dem i. In jedem 4.Schuljahr taucht bei der Inselmusik früher oder später die quirlige Kolumbianerin auf und geht mir auf die Nerven.

„Frau Weeheee, Sie sind ja gleich alt wie Shakira!“, trötet Rania in den Raum. „Echt?“ Timo ist sichtlich irritiert. „Das sieht man ja gar nicht.“ Es ist keine Freude, wenn man das Alter eines Popstars nicht nur teilt, sondern die Geburtstage gerade mal in Spuckweite auseinander liegen.

„Kann ich jetzt mal mit meinem Referat weiter machen?“ Melina ist genervt, sie will fertig werden: „Shakira wiegt ca. 53 Kilo und sieht sehr gut aus. Sie tanzt seit ihrer Kindheit und trainiert viele Stunden am Tag.“ Ein Zwischenruf stört das wiederaufgenommene Kurzreferat. „Frau Weheee? Wieviel wiegen Sie?“

– – –

„Frau Weh? Sagen Sie doch mal!“ Schnippsend meldet sich Nele: „Ich weiß das, Sie haben das mal in mein Freundebuch geschrieben. Frau Weh wiegt grsbrmls Kilo!“ Beifallheischend schaut sie mich an.

Danke, Kind.

„Das ist aber mehr als Shakira.“ Timo wieder.

Unwesentlich. Ich kann Shakira nicht leiden. Ich finde ihren sehnigen Bauch gruselig und wenn sie mit dem Popo wackelt, dann möchte ich da manchmal draufhauen. Aber nicht aus freundschaftlichen Gefühlen. Die jauligen Anteile ihres Gesangs schätze ich auch nicht sehr.

Die Mädchen hingegen lieben Shakira. (Alles an ihr.) Die Jungs finden sie ebenfalls ziemlich toll. (Manche Teile.) Sie schauen sich das von Melina erstellte Plakat nebst ausgeschnittenen Fotos aus der Bravo jedenfalls sehr genau an. Man kann aber auch viel sehen. Es muss warm sein, dort, wo Shakira wohnt.

Hier ist es kalt. Und es regnet. Und meine Laune ist schlecht. Mir ist grad mal nicht nach Waka Waka.

 

EPILOG:

Ich stehe vor meiner CD-Sammlung und lande bei Björk. Es wäre an der Zeit, das 4.Schuljahr einmal richtig zu quälen. Ich lächle eisig und greife mir Medúlla.

Zieh dich warm an, Shakira Isabel Mebarak Ripoll, die nächste Inselmusik geht nach Island. Nicht, dass du dir da das Bläschen verkühlst…

Disziplinarmaßnahmen

„Können Sie mir das erklären?“

Hilfesuchend wendet sich Renés Mutter an mich. Sie hält einen gelben Zettel in der Hand. Ich muss kurz meine Synapsen aktivieren. Die sechste Stunde ist gerade vorbei und ich suche in meinem Gehirn nach einer Stelle, an der die Information René-Mutter-Problem andocken könnte. War da was? Was war denn da? Aaaaahja… ich musste mal wieder zwei Stunden zum Sprachtest in den Kindergarten währenddessen meine Klasse verteilt war. Kollegin Müller, die unter anderem René und Tom1 zugeschoben bekam, beschwerte sich in der kleinen Pause bei mir über das Verhalten der beiden.

„Gar nicht stillsitzen konnten die. Keinen Moment. Da waren meine Erstklässler ja weniger wuselig! Ich habe den beiden einen Regelzettel mitgegeben.“

Ja nun, wir wissen alle, dass das stumpfe Abschreiben von Regeln nur ein Ausdruck pädagogischer Hilflosigkeit ist. Eine Verhaltensänderung zieht das jedenfalls nicht nach sich. Dennoch gebe ich auch wennsdenngarnichtandersgeht als Sofortmaßnahme schonmal den Auftrag, über das soeben gezeigte Verhalten zu reflektieren. (Schriftlich. Mit Unterschrift der Eltern. Ich werde ja als Mutter auch ganz gerne darüber informiert, wenn der Nachwuchs sich daneben benimmt.) Und manchen Schülern gelingt sogar zum Thema „Was sind die Auswirkungen andauernden Pfeifens während des Religionsunterrichtes?“ ein literarisches Kleinod. Und überhaupt schreiben die Kinder heute zu wenig. Training tut also Not. Immerhin – und da sind wir uns im Kollegium ja auch alle einig – lassen wir keine stupiden Sätze abschreiben, sondern bauen auf die drei Stützpfeiler moralischen Handelns Erkenntnis, Einsicht und Verhaltensänderung.

Ich erkläre der Mutter, die ich übrigens für ihren realistischen Blick auf die eigene Brut sehr schätze, also die Situation. Sie sei, sagt sie, erleichtert darüber, dass die Versetzung nicht gefährdert sei. René habe so geweint als er nach Hause kam. Ich bin irritiert, blicke auf den verwarngelben Zettel und lese 20x

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

 

Oha…

 

mizaru, kikazaru, iwazaru

„Das erinnert mich doch an was.“

Die Leiterin des Offenen Ganztages unterdrückt mühsam ihr Lachen als sie an der Leseecke vorbeikommt.  Ich blicke auf die drei Zweitklässler herab, die wie ein Häuflein Elend vor mir auf dem Sofa sitzen. Benjamin hält sich ein Kühlpack ans langsam zuschwellende Auge, Jens drückt eine Kompresse aufs lädierte Ohr und Mia-Sophie stemmt sich ein Knäuel Papiertaschentücher auf Nase und Mund. Ich würde mich gerne von der guten Laune der Vorbeiziehenden anstecken lassen, aber ich kämpfe gegen eine leichte Übelkeit. Mia-Sophie, die leider zur falschen Zeit am falschen Ort war und sich so einen Faustschlag auf die Nase einfing, blutet nämlich nicht nur heftig, sondern hat auch noch einen fatalen Schnupfen. Der tiefrote dickflüssige Glibber macht mich schier handlungsunfähig. In rauen Mengen quillt er zwischen ihren Fingern hervor. Donnerstag ist mein einziger Tag ganz ohne Pausenaufsicht. Beinahe hätte ich es zur Kaffeemaschine geschafft.

„Die drei Affen von Nikko“ nicke ich zustimmend und wische tapfer blutigen Schleim weg.

Benjamin und Jens haben sich gezankt. Erst nur ein bisschen. Dann ein bisschen mehr. Jetzt sitzen sie schuldbewusst vor mir und harren der Dinge, die da noch kommen. Und sie werden kommen. Ich bin schlecht gelaunt. Die Wehwehchen sind krank, ich habe nicht gut geschlafen und außerdem muss ich beim Schulamt anrufen. Irgendeine wahnsinnig wichtige Statistik über die Inklusion und wie es so läuft. Natürlich muss ich in der Pause anrufen. Nachmittags ist da ja keiner mehr. Und E-Mail geht auch nicht, das Netzwerk mal wieder.

Ich lasse den beiden Seuchenvögel die Wahl. Entweder sofortiges Einstellen der Heulerei nebst Handreichen und Tutmirleid-Tutmirauchleid oder eine Stunde extra und das Ganze schriftlich. Ich habe wirklich miese Laune. Der nun zu erwartende nachmittägliche Anruf von Supermom macht die Sache nicht besser. Die beiden Missetäter entscheiden sich für Variante A und schütteln sich grinsend die Hände. Es klingelt. Na toll.

„Tschuldigung, Frau Weh, wegen deiner Pause.“

„Morgen prügeln wir uns nicht. Ehrenwort!“

Treuherzig der eine, reumütig der andere blicken die beiden zu mir auf. Die Tränen haben helle Spuren auf den ansonsten staub- und dreckverkrusteten Gesichtern hinterlassen. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schiebe wortlos – aber ganz stummer Vorwurf – die arme, verschwollene Mia-Sophie vor mir her in die Klasse. Na, wers glaubt.

Mein Wunschzettel

Liebes Christkind,

ich bin es, die Frau Weh. Wir kennen uns ja schon. Letztes Jahr habe ich mir einen neuen CD-Player für den Musikraum gewünscht und ein paar Trommeln. Vielen Dank noch einmal dafür, das hat ja gut geklappt.

Hier ist mein Wunschzettel für dieses Jahr:

  1. Mehr Zeit. Ich würde mich freuen, wenn ich etwas mehr zu dem käme, was ich richtig gut kann. Das ist übrigens UNTERRICHTEN. Das mache ich gut und in der Regel auch sehr gerne. Dieses Jahr musste ich viel nebenbei machen. Ich sitze in Arbeitskreisen, bei denen über Förderkonzepte oder das Schulprogramm geredet wird. Ich informiere mich regelmäßig bei Therapeuten jeglicher Fachrichtungen oder sitze in Büros des Jugendamtes. Im Kindergarten überprüfe ich den Sprachstand von vier- und jetzt auch fünfjährigen Kindern. Das mache ich während meiner Unterrichtszeit. Meine Klasse ist dann leider aufgeteilt oder hat Vertretungsunterricht. Ich schreibe lauter Pläne und brüte in Konferenzen über noch mehr Plänen. Das ist schade, ich würde viel lieber neue Ideen entwickeln oder mich fortbilden. Manchmal würde ich mich auch einfach gerne regenerieren, damit ich bei Kräften bleibe. Denn anstrengend ist es schon.
  2. Mehr Ruhe. Es wäre schön, wenn man mich eine Weile mit neuen Konzepten in Frieden lassen würde. Dann könnte ich mir meine Schüler anschauen, um so selber zu sehen, welche Fortschritte schon erzielt wurden und welche Hilfen nötig sind. Ich könnte überzeugend sagen „hey, das hast du richtig gut gemacht!“ oder „na komm, das üben wir noch einmal zusammen!“ statt individuelle Förderpläne auszufüllen und Missstand an Missstand zu reihen.
  3. Eine Schulleitung, die mir – wo nötig – auch mal den Rücken freihält. Die sich auch mal traut „Nein!“ zu sagen, wenn lauter neue, lustige Vorschläge vom Schulamt oder vom Bildungsministerium kommen, was man noch so alles in der Schule ausprobieren könnte.
  4. Mehr Personal. Es wäre wirklich schön, wenn jemand anderes meine Klasse und die 70qm im Musikraum kehren könnte. Auch die Bestellung von Ersatzteilen oder Neuanschaffungen würde ich gerne an jemand abgeben. Ein an jedem Tag besetztes Sekretariat wäre ein Traum. Oh und eine Schulkrankenschwester wäre auch klasse! Und, bitte, bitte, liebes Christkind, mach, dass wir nächstes Jahr, wenn unser Hausmeister in Rente geht, einen neuen bekommen. Es ist ganz schrecklich ohne!
  5. Mehr Unterricht. Es wäre toll, wenn alle zusätzlichen Angebote wie Zahnarztkontrolle, Büchereibesuch, Schulfotograf und so weiter am Nachmittag stattfinden könnten und nicht in meiner Kernunterrichtszeit. Es wäre auch schön, wenn ich nicht andauernd irgendwelche Zettel austeilen und Abschnitte wieder einsammeln müsste. Das frisst so viel Zeit, die ich gar nicht habe. Zwei Stunden Deutsch mehr pro Woche wären sinnvoll.
  6. Eigene Arbeitsplätze für jede Kollegin. Ich würde viel lieber länger in der Schule bleiben, wenn ich wüsste, wohin mit mir und meinem Material. Das Fach, das uns zugewiesen wurde, ist leider sehr klein.
  7. Eine Papiertüte.

Liebes Christkind, ich weiß, es ist viel. Bitte halte mich nicht für unmäßig! Ich würde mich schon sehr darüber freuen, wenn du nur einen oder zwei Wünsche erfüllen könntest. Ich bin auch noch eine ganze Weile hier. Du könntest die Wünsche vielleicht über ein paar Jahre abschreiben. Oder in Raten erfüllen. Ich habe ja noch 30 Jahre und ein paar zerquetschte. Da lässt sich doch sicher etwas machen, oder?

Herzlichst, deine Frau Weh

Mach mal Pause

Ein Schultag wie Kaugummi so zäh. Die Zweitklässler machen den Eindruck, als wären sie gestern zu spät ins und heute kaum aus dem Bett gekommen. Es ist so still in der Klasse, dass es fast irreal wirkt. Immerhin, sie haben die Augen offen und nur Tom1 legt den Kopf auf die Tischplatte. Er ist ihm zu schwer geworden.

Allein, was nützt es? Auch wenn man – gerade zwischen Herbst- und Weihnachtsferien – einen anderen Eindruck bekommen könnte, Grundschule besteht nicht nur aus einer Aneinanderreihung toller Events und spannender Sachunterrichtsreihen, zwischendurch muss auch mal Deutsch gemacht werden. Ich hänge sowieso im Deutschbuch total hinterher. Ich glaube, wenn wir mit Licht & Schatten durch sind (und der Kalender fertig ist…), dann mache ich mal eine ganze Woche lang nur Deutsch. Aber wahrscheinlich ist dann schon wieder Weihnachten. Dann verschieb ich es wohl auf das nächste Jahr. Aber die Zweitklässler wissen, was Nomen sind und dass man sie großschreibt. Den Adjektiven nähern wir uns vorsichtig und Verben können sie schon lange. Nach dem ABC sortieren geht – wenn auch mühsam sobald die ersten drei Buchstaben identisch sind – außerdem wissen sie um die Großschreibung von Satzanfängen. Lesen tun sie ganz passabel (auch wenn wir aus dem Lesebuch bisher lediglich drei Witze gelesen haben) und über Gänsefüßchen lachen sich noch alle kaputt. Im Großen und Ganzen bewegen wir uns also im Zeitplan.

Heute geht es um Wortfamilien. Das Buch benutzt den Wortstamm SPIEL als Vorlage. Etwas schleppend, aber leidlich motiviert sortieren die Zweitklässler die Wortbausteine zu verschiedenen Wörtern der Wortfamilie. Mitspieler, Spielplatz, Spielzeug, mitspielen. Alles kein Problem. Dann sollen sie eigene Mitglieder der Wortfamilie finden. Jetzt zeigt sich, dass Transferleistung nicht gerade die Spezialität meiner Klasse ist. Als hätte ich die Wunschzettel und nicht die Deutschhefte vor mir: Lego, Computer, Filly Fairy und Pause. Pause?

„Ja“, meint Leon „ich brauche jetzt Pause.“

„Was hat die Pause denn mit unserer Wortfamilie zu tun?“

Leon guckt mich an als könne er kaum glauben, wie dumm ich sei.

„Na, da geh ich spielen!“