Es gibt so Tage…

Dass der Wurm drin ist, merken das Miniweh und ich, als wir pünktlich um 7.00 Uhr vor der Kindergartentüre stehen.

Verschlossen.

Zunächst bin ich irritiert, dann erleichtert, als ein paar Minuten später eine Erzieherin außer Atem die Türe mit den Worten „Der Frühdienst ist krank“ aufschließt. Das Miniweh drückt sich an mich und will meine Hand nicht loslassen. Ermutigend rede ich auf es ein und schaffe es zur Garderobe. „Ich muss Pipi!“ Ich schwitze in meiner dicken Jacke. Trotzdem sich das Miniweh vorbildlich und schnell umziehen lässt, in Rekordzeit ein mittelgroßes Geschäft erledigt und mir drei satte Schmatzer aufdrückt, fehlen mir beim Verlassen des Kindergartens sechs Minuten. Es sind diese sechs Minuten, die mich zwischen zwei Müllautos katapultieren, denen ich sonst entkommen wäre. Aus sechs Minuten werden neun, eine Baustellenampel (war die gestern auch schon da?) tut ihr übriges. Die restliche Fart trommle ich mit den Fingern aufs Lenkrad, der Blick geht immer wieder gehetzt zur Uhr. Endlich auf dem Lehrerparkplatz angekommen trete ich in einen Hundehaufen. Scheiße, denke ich. Wie passend.

Fluchend versuche ich den Schuh am spärlichen Grasbewuchs des Randstreifens zu reinigen.

„Wir fangen pünktlich an!“, zischt die Konrektorin, als ich das Lehrerzimmer 10 Minuten zu spät zur Dienstbesprechung betrete. „Was stinkt hier denn so?“

„Ach“, entgegne ich, „das muss wohl die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.“ Ich lasse mich matt auf meinen Platz sinken. Die nächsten Stunden verfliegen. Die Kinder sind unausgeglichen und motzig – es war doch gerade erst Vollmond? Nach meinem Unterricht scheuche ich die Viertklässler auf den Schulhof, um die Klasse abzuschließen, als mir die Konrektorin entgegenkommt, meine Zeugnisse in der Hand. „Die musst du wohl nochmal machen, da ist dir immer eine Zeile verrutscht.“, sie weist auf die entsprechende Linie und lächelt süffisant, „Hast du was am Formular geändert?“

Ich habe keine Zeit für unnötige Diskussionen, das Miniweh muss abgeholt werden. „Ok“, antworte ich daher nur knapp, den Hals zugeschnürt, und greife nach dem Packen, „dann werde ich die mal schreddern.“ Ich lasse die Kollegin stehen, die mir noch irgendetwas hinterherruft – vermutlich hat es mit der medialen Unfähigkeit unseres Kollegiums zu tun. Ich würde mich ja ärgern, aber mir fehlt gerade die Kraft dazu. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Irgendwas passiert immer mit den Zeugnisformularen. Vielleicht ist es wirklich meine Unfähigkeit, eine Vorlage auszufüllen, auf einen Stick zu packen und auszudrucken. Wer weiß das schon so genau? Seltsam allerdings, dass es auch den anderen Kolleginnen so geht.

Ich komme noch pünktlich in den Kindergarten, wo mir das Miniweh beglückt in die Arme segelt. Ich drücke es fest. Runterschlucken, denke ich, abhaken und fertig! Das Mittagessen will gekocht, der Spielplatz besucht und die Vokabeln mit dem anderen Wehwehchen geübt werden. Hak es einfach ab, Frau Weh!

Jetzt sitze ich am Schreibtisch und stelle fest, dass es sich mitnichten nur um eine läppische verrutschte Zeile handelt, was durch einen simplen Klick behoben werden könnte. Das komplette Formular ist aus den Angeln gehoben. Neu schreiben. Alle. Bis morgen.

EDIT:

Problem analysiert: Die Vorlage ist in Textmaker erstellt, mein Word ziert sich vonwegen Kompabilität. Nachdem ich nun eine Weile stumme Zwiesprache mit meinem Rechner gehalten (und zwischendurch dem größeren Wehwehchen eine Wärmflasche gemacht habe, was auf eine unruhige Nacht hinweisen könnte), habe ich nun beschlossen, zum ALLERERSTEN MAL meine Zeugnisse nicht pünktlich abzugeben, sondern mich stattdessen ganz entspannt am Wochenende noch einmal dransetzen werde. Heureka! Manchmal mache ich mir selber Angst! :mrgreen:

brain breaks

Damit auch die Viertklässler etwas von meiner Mottoaktion haben (und vielleicht ein wenig Winterspeck verlieren, holla, dieses Mal scheinen die Weihnachtsgeschenke in Esspapier eingewickelt gewesen zu sein!), baue ich diesen Monat vermehrt kleine Bewegungspausen ein. Während diese brain breaks im 1. und 2.Schuljahr zur unumgänglichen Tagesordnung gehören, lasse ich sie zugegeben bei den Größeren etwas schleifen. Gut ist das nicht, auch wenn ich viele Erklärungs- und Entschuldigungssätze parat habe (zu wenig Stunden, zu viel Stoff, zu viel von diesem, zu wenig von jenem). Aber das soll sich jetzt ändern. Warum soll ich auch alleine schwitzen – habe ich doch ein ganzes Gefolge wibbeliger Bewegungsakrobaten um mich herum.

Etwas unentschlossen habe ich gestern meine Mappe zu dem Thema durchgesehen, mich dann aber schlussendlich für ein Spiel der Wehwehchen entschieden: Mauseschlau & Bärenstark: fit und clever, das ich in leicht abgewandelter Form (eigentlich ist es eine Art Domino) mit der Klasse spiele. Auf 36 Spielkarten befinden sich verschiedene Aufgaben, die teils auf Bewegung, Geschicklichkeit, Körperkoordination, Kooperation, aber auch auf viel Spaß zielen. Es finden sich Aktionen wie diese darunter:

  • wie ein Motorrad mit Krach um den Tisch brausen
  • mit einem anderen ein Tänzchen machen
  • 3x mit dem linken Ellbogen zum rechten Knie und umgekehrt
  • die Zunge weit rausstrecken und aufrollen
  • einem anderen durch die Beine die Hand geben

Als die Viertklässler ihre Karte erhalten, sind sie bereits neugierig, aber nicht unbedingt motiviert.

„Pfüüüh, Frau Weh, schon WIEDER bewegen! Wir waren doch gerade erst in der Pause!“, beklagt sich Nino; eindeutig auch er ein Opfer kulturell bedingten, aber gut gemeinten Mammamiamästens.

„Stell dich nicht so an“, raunzt ihn Alisa an, wie immer zappelig und sofort auf den Beinen.

„Aber ich bin nicht fit im Schritt!“, jammert Nino weiter, sofort unterbrochen von Marc, „Was sagst du da, du Honk? Fit im Schritt meint das da…!“ Marc greift sich augenblicklich seine Familienplanung und beginnt rhythmisch zu schuckeln. „Ach ja“, schießt es mir durch den Kopf, als ich den durchaus überzeugenden Jacko-Imitator in die Schranken weise, „ich muss ja auch noch Sexualkunde beenden!“.

„Dann habe ich eben was am Becken!“, Nino erinnert sich an die in unserer erfolgreichen Knochen-Einheit gezeigten Röntgenbilder einer künstlichen Hüfte.

„Ja, wahrscheinlich zu viel Schokolade!“, lacht ihn der ebenfalls nicht mehr ganz so ranke Nick aus. Aber Nino nimmt es mit Humor, dreht seine Karte um und verfällt in dumpfes Brüten.

Wir spielen das Spiel im Kreis als Variante von „Kofferpacken“, das heißt jedes Kind wiederholt die vorherigen Aktionen möglichst ohne erinnert werden zu müssen. Nach kurzer Zeit johlen alle und machen jede Bewegung mit – Spielregeln haben ja auch immer etwas Dynamisches an sich. Dann ist Nino an der Reihe, lässt sich nieder und versucht schwitzend einen Fuß an die Nasenspitze zu führen. Alles kichert, alles giggelt. „Käse!“-Rufe werden laut und die Stimmung steigt ins Unermessliche. Erwähnte ich, dass der durchschnittliche Humor eines Viertklässlers exakt von hier bis… knapp drunter reicht? 5 Minuten später sitzen alle wieder an ihren Plätzen, ich reiße das Fenster auf, das ich vermutlich besser schon zu Beginn der Bewegungspause geöffnet hätte und notiere befriedigt (und nur ein klein wenig angeberisch) im Klassenbuch: Bewegungspause zur (Re-)Aktivierung von Gehirn und Körper erfolgreich durchgeführt.

Hmm… ob Chefin merkt, dass ich die kompletten Weihnachtsferien mit Herrn Weh und Dr. House Differentialdiagnosen durchgeführt habe?

Wenn wir über Sex reden…

Wenn wir über Sex reden…

  • lachen wir niemanden aus!
  • behandeln wir die Fragen und Meinungen der anderen mit Respekt!
  • benutzen wir Fachwörter!
  • schämen wir uns nicht!
  • dürfen wir alles fragen! („Wirklich ALLES!?“, will Giuliano wissen. „Alles!“, antworte ich. „Wow!“)
  • bleiben private Dinge auch privat!*
  • bleiben wir cool :-)“

Erste Stunde Sexualerziehung. Ich bin überrascht, wie ruhig und gefasst die Viertklässler sich verhalten, hatte ich doch anderes erwartet: heiße Öhrchen, mehr verschämtes Kichern vielleicht. Tatsächlich sind sie sehr aufmerksam und mit gebotenem Ernst bei der Sache. Während sie anonym alle Fragen auf kleine Zettel bringen, deren Beantwortung sie sich wünschen, beobachte ich die Kinder und bin wirklich berührt von der vertrauensvollen Atmosphäre, die uns nach erst einem Jahr gemeinsamen Lernens verbindet. Meine Güte, was war das letzen Herbst noch für eine Bande!

Bei der Auswertung der Fragen kristallisieren sich die erwarteten Schwerpunkte heraus: Warum gibt es Sex? Warum lachen so viele Leute, wenn es um Sex geht? Wie geht Sex überhaupt? Wie entstehen Babys? Wie ist das mit der Geburt?

Vieles können die Kinder bereits untereinander klären, anderes erkläre ich mit einfachen Worten. Nichts davon kommt unerwartet, doch es gibt noch mehr Fragen: Was sind Pornos? Wofür benutzt man Kondome? Warum gibt es im Internet so viele nackte Frauen? Gibt es wirklich Penisse aus Gummi? Was ist sexueller Missbrauch? Dürfen Kinder Sex haben? Wie geht das, wenn man schwul ist?

Einmal begonnen, sprudelt es aus vielen Kindern hervor: Was sie schon einmal gesehen haben, womit sie bereits konfrontiert wurden. Immer mehr Finger strecken sich in die Höhe und zeigen den hohen Redebedarf meiner Klasse an. Wieder einmal wird mir bewusst, wie anders die Lebenswirklichkeit für Kinder heute aussieht. Wie schwer sie es haben, unbeschadet groß zu werden. Und dass der unbedachte Umgang mit unseren grenzenlos verfügbaren Medieninhalten ein Problem darstellt, dem so viele Eltern hilflos und – ja! – auch verharmlosend oder ignorierend gegenüberstehen.

Wir reden und reden und reden. Ganz selten muss ich auf unsere zu Beginn gefassten Gesprächsregeln aufmerksam machen, zweimal muss ein Junge frische Luft schnappen gehen (manchem wurde es dann doch ein wenig warm), aber alles im Rahmen. Am Ende der Stunde lobe ich die Viertklässler für das ruhige, gute Gespräch und äußere den Wunsch, dass es auch in den weiteren Stunden so bleiben möge. Sie nicken und bestätigen, wie toll es sei, dass sie alles sagen und fragen dürften. Dass es hier viel einfacher sei, darüber zu reden. Ich freue mich darüber, ist die gezeigte Offenheit doch ein großer Vertrauensbeweis an mich und die Klassengemeinschaft, die mittlerweile trägt und Schutz bietet.

Als ich abends meine Unterlagen mit den Fragen, die den Schülern unter den Nägeln brennen, durchgehe, spüre ich die Verantwortung bleischwer auf meinen Schultern lasten. Die Zweifel kommen ganz plötzlich und unerwartet. Hoffentlich schaffe ich das, geht mir durch den Kopf. Wie kriege ich es bloß hin, offen den auf dem Tellerrand Tanzenden die Fragen zu beantworten, während andere Kinder noch gar nicht ermessen, wie viel Suppe da eigentlich vor ihnen schwappt? Die der Aussicht, diese Suppe irgendwann in noch weiter Zukunft auch einmal probieren zu wollen, noch mit einem ungläubigen Kopfschütteln begegnen und die tatsächlich für den Moment noch gerne an eine andere Art der eigenen Empfängnis glauben wollten, als die der körperlichen Begegnung der eigenen Eltern.

Mein Blick schweift über das vielfältige Material, das ich zusammengetragen habe, und bleibt bei der DVD hängen, auf der der 3D-Ultraschall des Miniwehs dokumentiert ist. Ich nehme ich sie in die Hand und spüre der Erinnerung an diese besondere Zeit nach. Ein Wunder, immer noch!

Es wird schon werden, denke ich.

 

Freio!

„Frau Weh, Frau Weh, kommen Sie schnell! Da stehen zwei Onkel vom Ercan auffem Schulhof, die wollen den Sinan verprügeln!“

Eine ganze Horde Schüler stürmt zu Beginn der großen Pause in meinen Klassenraum zurück, in dem ich gerade in einen kleinen, persönlichen Kampf mit dem Smartboard verwickelt bin, den ich eigentlich gerne ohne weitere Zeugen austragen wollte.

„Hier verprügelt keiner irgendjemanden!“, antworte ich, werfe der unfolgsamen Tafel einen letzen angesäuerten Blick zu und schreite energischen Schrittes Richtung Schulhof. Die Querelen zwischen Sinan und Ercan habe ich sowas von satt. Erst hat der eine dies, dann hat der andere das und so weiter und so fort. Tatsächlich gehören beide Jungen nicht gerade zur Sorte der sozialverträglichen Hellköpfe, allerdings hat Viertklässler Sinan einen deutlichen körperlichen Vorteil dem zwei Jahre Jüngeren gegenüber – er wiegt mindestens 20 Kilo mehr und überragt den Zweitklässler um Haupteslänge. Insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis sich Ercan Familienhilfe dazuholen würde. Trotzdem pffffft! die Onkel auffem Schulhof glaube ich erst, wenn ich sie sehe.

Ich betrete den Schulhof und umrunde die kahle Kastanie, immer noch forsch unterwegs. Und da stehen sie, die Onkel… o—ha! Mein Schritt verlangsamt sich minimal, als ich die beiden Kanten sehe. Groß. Breit. Finsterer Blick. Ich schlucke unmerklich, straffe die Schultern und hebe das Kinn – jetzt dürfte ich mich ungefähr auf Bauchnabelhöhe befinden. Deeskalation, Frau Weh, Deeskalation!, raunt mir mein verschrecktes Unterbewusstsein noch zu, bevor es sich mit Bauchgrummeln in die (hoffentlich) sicheren Eingeweide verzieht. Scheiße, was für Anabolikapakete! Zuverlässig schütten meine Nebennieren Adrenalin aus und lassen meinen Puls in die Höhe schnellen. Doofer Sinan, dass er mich in eine solche Situation bringt. Sollen sie doch ihm eine kleben, besser als mir! Warum ist der überhaupt in meiner Klasse? Und Ercan, so eine Pfeife, kann der sich nicht einfach mal von den Viertklässlern fernhalten? Nee, nee, immer mit den großen Hunden pinkeln wollen, aber das Bein nicht heben! Solche und weitere Gedanken durchströmen mein Hirn wie eine Horde aufgescheuchter Hühner. Doch mir ist klar, dass mich mindestens 12 Augenpaare atemlos beobachten (und vermutlich bereits Wetten abschließen), also muss ich weiter.

Noch ein paar Schritte, kurzes bewusstes Ausatmen, ich bin da.

„Hallo, guten Tag, ich bin Frau Weh, kann ich helfen?“. Zwar strahle ich die beiden Titanen an, lasse aber in puncto Körperhaltung, Blick und Stimme keinen Zweifel daran, dass ich hier der Chef im Ring bin. (Zwischen Mut und Wahnwitz liegt ja bekanntlich nur eine Haaresbreite…)

„Äh ja…“, stottert der erste Onkel, sichtlich irritiert darüber, dass ihn ein weibliches Wesen so resolut unter der Gürtellinie angeht – viel höher reiche ich nämlich nicht.

„Öhm…“, meldet sich jetzt auch Onkel Nummer 2 zu Wort, das Hemd spannt ihm auf der breiten Brust.

„Mir ist zu Ohren gekommen, Sie hätten da etwas mit einem Kind meiner Klasse zu besprechen.“ Ich betone das Wort Kind besonders, was Sinan mindestens drei Kleidergrößen schrumpfen und zu einem schutzbedürftigen Knaben werden lässt. „Äh ja, wir wollen ma mit dem Sinan sprechen, dass der nich immer auffen Ercan losgeht. Können wir ma rüber?“, Onkel Nummer 1 nickt in Richtung meiner Klasse, die sich hin- und hergerissen zwischen Schaulust und Furchtsamkeit langsam näher pirscht, Sinan – siehe da! – in der Mitte (ich bin gerührt. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht?).

„Nein“, lache ich amüsiert auf, „ganz sicher nicht!“ Ich gehe einen Schritt auf die Onkel zu, bewusst den Tanzabstand unterschreitend und dränge sie so Zentimeter für Zentimeter zum Schultor zurück. „Aber ich kümmere mich natürlich gerne darum, dass sich die beiden Jungen mal in Ruhe aussprechen.“ Die beiden Männer werfen sich unsichere Blicke zu; das hier läuft ganz offensichtlich nicht wie geplant. Ich rücke noch etwas näher und sie stehen vor dem Schultor. „Wissen Sie“, sage ich in versöhnlichem Ton, „ich kann Sie ja gut verstehen, Sie machen sich ja nur Sorgen um Ihren Neffen. Der allerdings“ und hier wird meine Stimme wieder strenger, „erst letzte Woche auf Sinans Jacke gespuckt hat.“ Das ist ihnen jetzt peinlich und beide Onkel räumen ein, dass Ercan ja ein richtiger Junge und manchmal ein ganz schöner Racker sein kann. „Haha“, wir lachen gemeinsam über den lebenslustigen kleinen Kerl. Am Ende des Gesprächs, das noch eine ganze Weile dauert, bedanken sich die beiden Männer bei mir für das Verständnis und das tolle Gespräch („Mann, hätt ich ma so Lehrer gehabt!“) und natürlich gehen sie jetzt und warten nicht auf Schulschluss, sollen die Jungs das man ruhig unter sich regeln, ne? Tschüss, Frau Weh, klasse Sache!

Als ich das Schultor hinter den beiden schließe und mich dem munteren Treiben auf dem Schulhof zuwende, bemerke ich, dass meine Beine leicht zittern. Boah, was für eine Begegnung. Doch nun fluten bereits die Endorphine meinen Körper, ich gehe, ach Quatsch, ich schwebe 3 Meter über dem Boden, be a hero, be a teacher! Da begegne ich Sinan und lande wieder auf dem (harten!) Boden der Realität. „Du!“, pflaume ich ihn an, den ausgestreckten Zeigefinger nur wenige Millimeter von seiner blassen Nase entfernt, „Das war das erste und das letzte Mal, dass ich mich da einmische! Benimm dich gefälligst und lass Ercan in Frieden! Ich bin doch nicht dein Freio!

 

 

 

Wahlkampf

„Wählt mich und ich verspreche euch die tollste Klassenfahrtsfete, die ihr je erlebt habt!“ Der Sprecher sonnt sich im Applaus der Viertklässler und ignoriert die vereinzelten Buhrufe aus dem Publikum geflissentlich.

Wir befinden uns mitten im Wahlkampf. (Und es ist ein Kampf!) Die Bewerbungsphase ist abgeschlossen. Seit knapp einer Woche hängen die Wahlplakate der potentiellen Klassensprecher. Teilweise äußerst professionell gestaltet, da war wohl der ein oder andere Papa mit Photoshop am Werk. Auf mich könnt ihr immer zählen, nicht nur in Mathe!!! kann man da lesen, oder auch Ich bin zuverlässig, ehrlich und gut in Basketball! Wählt mich zu eurem Klassensprecher! Dann noch ein Foto in Politikerpose, die Hände zum Gruß erhoben. Da geht was!

Haben wir im dritten Schuljahr noch profan über die wünschenswerten Eigenschaften desjenigen gesprochen, der das wichtige Amt übernehmen soll, so darf in diesem Schuljahr kräftig die Eigenwerbetrommel gerührt werden. Es ist hochspannend und interessant, wie die einzelnen Kinder sich und ihre Wirkung auf die Mitschüler einschätzen, welche Wortwahl sie treffen und auch welche Versprechungen sie machen. Politisch? Auch das.

Da wollen Deals ausgehandelt, Überzeugungen an Mann und Maus gebracht werden – zumindest an Selbstbewusstsein mangelt es den Anwärtern nicht! Aber es wird auch bemerkt, wie schmal der Grat zwischen Versprechung, Abmachung und Erpressung ist. Wer hat die besseren Argumente und wer setzt vielleicht stattdessen die potentiellem Wähler mit purem „Wenn…dann!“ unter Druck? Ich bin Beobachter in dieser spannenden Phase und ich beobachte mit zunehmender Freude.

Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, dass die Bemühungen des letzten Jahres Früchte tragen. „Man erntet, was man sät“, nickt Frau Abendroth, als ich hingerissen von der Gruppendynamik berichte. Ja, sie machen mir Freude, die Viertklässler. Aber was war das auch für eine Arbeit: Gesprächsregeln etablieren, Ich-Botschaften anwenden lernen, Klassenrat halten. Immer wieder von Neuem abbrechen, wo Eskalationen drohten, gebetsmühlenartig auf den angemessenen Umgang miteinander hinweisen. Soziales Lernen, wann und wo immer es ging. Und nun, auf einmal: Demokratie! Hammer!

Horch, wer kommt von draußen rein?

Ein wenig hänge ich im Sachunterricht hinterher, aber heute schaffe ich endlich den Einstieg ins Thema Körper. Die Viertklässler allerdings ahnen noch nichts von ihrem Glück und schreiben mehr oder weniger motiviert Personalpronomen und Personalformen in ihre Hefte. 2.Person Präsens Präteritum von laufen, 3.Person Plural Perfekt von schreiben, 1.Person Singular Präsens von essen – vereinzelt ist Stöhnen zu hören, als plötzlich…

(… der Hausmeister zu vereinbarter Zeit heimlich, still und leise das schuleigene Klapperskelett vor die Klassentüre rollt, laut und vernehmlich anklopft und sich dann – vermutlich grinsend – hinter die nächste Ecke verdrückt)

POCH!

POCH!

POCH!

Die Viertklässler schauen auf. „Herein!“, rufe ich unbeteiligt und fordere, weil niemand eintritt, etwas unwirsch Sinan auf, die Türe zu öffnen. Sinan schlendert zur Türe, nicht ohne auf dem Weg dorthin eine Fratze zu ziehen und gegen Ninos Ranzen zu stolpern. Er greift an die Türklinke, öfnnet die Türe und

„WAAAAAAAHHHH!

…knallt die Tür wieder zu. „Sinan?“, frage ich unschuldig und ziehe eine Augenbraue hoch. „Da ist ein Toter vor der Tür!“, antwortet mir der arme Kerl – mittlerweile schon wieder mehr irritiert als erschreckt.

„Hähä, voll Halloween, oder was!?“ Die Viertklässler hält jetzt nichts mehr auf den Plätzen. Einige Mutige stürmen zur Türe, andere stellen sich vorsichtshalber hinter ihre Stühle oder suchen die sichere Nähe zu mir. Unter Johlen wird das Skelett in den Klassenraum gezogen.

„Ahh“, rufe ich und klatsche mir mit der Hand vor die Stirn, „habe ich doch glatt vergessen, dass wir heute Besuch von Mr.Skeleton bekommen. Tut mir ehrlich leid, Sinan!“ Ich grinse ihn an und schüttle dem Knochenmann überschwänglich die Hand. „Mr.Skeleton ist Experte zum Thema Knochenbau und wird uns eine Weile Gesellschaft leisten. Sag hallo, Mr.Skeleton!“ Mr.Skeleton hebt gehorsam seinen Arm zum Winken und grinst in die Runde, die Klasse ist begeistert. Für den restlichen Tag lassen wir Personalformen Personalformen sein und zählen Knochen, messen Gebeine ab, vergleichen Elle und Speiche, reißen knochentrockene Skelettwitze und haben irgendwie ganz schön viel Spaß.

 

an apple a day oder: Was ist guter Unterricht?

Frau Schmitz-Hahnenkamp stellt mich auf dem Weg zur Aufsicht.

In Gedanken bin ich noch beim gestrigen Unterrichtsbesuch meiner Referendarin, daher bemerke ich meine Kollegin erst im letzten Moment. Deckung suchen zwecklos. (Ich werde unaufmerksam. Tatsächlich beschäftigt mich die Erinnerung an das Nachgespräch ziemlich. Forderte mich die Fachleiterin doch freundlich, aber auch sehr bestimmt auf, die vorangegangene Stunde anhand eines Rasters verschiedener Handlungsfelder einzuordnen und zu begründen. Seltsam, als ich Referendarin war, musste ich mich selber im Gespräch erklären, da war nie die Rede davon, dass meine Mentorin wie Jeanne d’Arc hervorspringt oder gar schützende Erklärungen vor ihrem Mündel aufbaut. Tja, tempora mutantur, nos et mutamur in illis*.)

Nun aber Frau Schmitz-Hahnenkamp. Dass meine Klasse erneut ihren unbändigen Zorn hervorgerufen hat, war mir klar, als ich heute morgen einen Blick auf meine Schreibtischplatte warf. Was der bösen Hexe des Ostens die roten Schuhe, ist Frau Schmitz-Hahnenkamp das Post-it: rote, gelbe, sogar ein grünes war dabei. Darauf der übliche Beschwerdecocktail: ungemachte Hausaufgaben, verschwundene Arbeitsblätter und freches Klientel. Alles in meiner Klasse! Bevor sie jedoch ihren Monolog über meine pädagogischen Unfähigkeiten und deren Auswirkungen auf die Viertklässler beginnen kann, schneide ich ihr das Wort ab:

„Frau Schmitz-Hahnenkamp, ich denke, es wird Zeit: Du solltest dich unbedingt einmal aufmerksam mit den 10 Merkmalen guten Unterrichts befassen.“

Ihr Blick wechselt von empört zu unfassbar empört. Schon holt sie Luft und lässt eine ganze Salve auf mich nieder. Was ich mir denke, was ich da sage, sie träfe gar keine Schuld, das sei schließlich meine Klasse, sie fühle sich nur mitverantwortlich und wolle mir helfen, aber sie merke schon, das sei vergebliche Liebesmüh, ich wäre ein schwieriger Charakter und sie wolle nur nett sein, mich informieren über die katastrophalen Zustände, aber so etwas wäre ihr noch nicht passiert, guter Unterricht, pah! natürlich gäbe sie sehr guten Unterricht!

Ich ziehe einen Apfel aus der Tasche und beiße genüsslich hinein. Endlich ist sie fertig und schaut mich pikiert an – möglicherweise, weil es mir nur unzureichend gelingt, mein Grinsen zu verbergen. Aber was soll ich auch tun? Die Kollegin geht ab wie Schmitz Katze! Als sich bereits eine interessierte Schar kleiner Menschen um uns versammelt hat (was tun die da? Schließen die etwa Wetten ab?), sehe ich mich genötigt die Situation aufzuklären:“Das ist wirklich ganz furchtbar spannend, was du da sagst, aber ich weiß gar nicht, wovon du redest!? Eigentlich wollte ich dir nur mitteilen, dass sich die OVP** geändert hat und du darauf gefasst sein musst, dass du nach dem Unterrichtsbesuch von Frau Kahle um eine Stellungnahme gebeten wirst. Die Fachleiterin wird Karten mit Handlungsfeldern, Kompetenzen und Standards auf den Tisch legen. Da kommen ein paar Kernpunkte von Hilbert Meyer ganz gut an. Ich wurde davon gestern ziemlich überrascht, also dachte ich, ich sag dir das netterweise vorher. Von einer Kritik an deinem Unterrichtsstil“, und nun schüttle ich verwundert den Kopf, „kann hier wirklich keine Rede sein. Wie kommst du denn bloß auf so etwas?“

 

* Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Von Ovid, nicht von Weh.

** OVP steht in diesem Zusammenhang mitnichten für Originalverpackung, sondern für Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung für Lehrämter an Schulen. Ein ziemlich wichtiges Schriftstück.

Das Bildnis der Frau Weh

„Die Bilder sind da!“, ruft mir die weltbeste Sekretärin auf dem Flur zu und deutet auf einen Stapel Fotomappen auf dem Tisch neben dem Büro. Freudequietschend nehmen die Viertklässler später ihre Mappen in Empfang, aufgeregt schnatternd und sich gegenseitig begutachtend. Meine eigenen Bilder packe ich ungesehen ein und werde erst später einen Blick daraufwerfen. Vorbei die Zeiten, als auch ich neugierig die Ankunft des Schulfotografens erwartete, aufgeregt darauf bedacht, gut getroffen zu sein, nicht zu pummelig gar oder mit schiefem Blick eingefangen zu werden.

Abends betrachte ich kopfschüttelnd das Sammelsurium fotografischer Nebenprodukte, die kein Mensch braucht, und entnehme der Mappe ein mittelgroßes Porträt. Aus dem Regal neben meinem Schreibtisch ziehe ich eine Kladde hervor. Ihre vielen Seiten werden durch ein Gummiband zusammengehalten. Innen befinden sich die Fotografenbilder aus jedem Jahr meines Schuldienstes. Links das Porträt, darunter ein paar Sätze, rechts das Klassenfoto mit den Namen all meiner flügge gewordenen und aktuellen Schützlinge. So hat sich über die letzten Jahre bereits eine kleine Sammlung geformt. Zwischen den einzelnen Seiten immer wieder lose Zettel, Postkarten und Briefchen der Schüler an mich. Auch Zeilen von Eltern und Kolleginnen sind dabei, Worte des Dankes oder der Aufmunterung auf Post Its, die zwischendurch in meinem Fach im Lehrerzimmer geklebt haben. Ein Querschnitt meines Lehrerlebens sozusagen, best of Frau Weh.

Die Seiten durchblätternd betrachte ich die Frau auf den Fotos. Vom ersten Bild – so rosig, frisch, glatt, so jung! – voller Vorfreude auf die erste eigene Klasse, bis zu dem, das ich noch in Händen halte. „Na, Frau Weh“, spreche ich sie an, „du hast dich aber ganz schön verändert!“ Sie lacht mich an, „Tja“, scheint sie zu antworten, „du weißt ja, das Leben hinterlässt seine Spuren.“ „Ist es gut zu dir, das Leben?“ Sie lacht immer noch, ein wenig spöttisch wie mir scheint. „Mal so, mal so.“

Etwas ist anders auf diesem letzten Bild als auf den ersten Bildern. Sind es die Fältchen, die sich neben die Augen geschlichen haben? Das schmalere Gesicht, die kürzeren Haare? Ich kann es nicht greifen.

Suchend blättere ich zurück, lese in meinen Aufzeichnungen, betrachte die Klassenfotos. Wie in Zeitraffer ziehen die Klassen an mir vorüber. Viele Namen weiß ich noch, bei anderen muss ich nachlesen. Bei manchen Kindern bleibt mein Blick länger haften. Weißt du noch, früher…? Unter manchen Jahreszahlen steht viel. Aber es ist auch ein Jahr dabei, in dem nur einige wenige Worte hastig unter das Foto geschrieben wurden, der Wunsch nach Veränderung… Auf diesem Bild lächelt die junge Frau kaum, sie sieht müde aus und geschafft. Ich möchte meinem früheren Ich zurufen, ihm Mut machen: Es wird besser, mach dir nicht so viele Sorgen! Aber verstehen kann ich sie immer noch.

Wie wird es wohl sein, wenn ich dieses Buch in 10 Jahren in die Hand nehme? Und wie in 30 Jahren, wenn ich das letzte Bild hinzufüge? Werde ich es freudig hineinkleben, traurig oder resigniert? Und werde ich die Frau auf dem Foto noch erkennen? Wird sie noch so fröhlich lachen? Ich wünsche es mir.

Als ich endlich das neueste Foto einklebe, wird mir auf einmal bewusst, was sich verändert hat. Es sind nicht die ersten Falten, nicht die Kleidung oder die Frisur.

Es ist Gelassenheit.

angebaggert

Pausenaufsicht, große Pause.

Ich hocke neben dem Klettergerüst und versuche einen unergründbaren Streit auf Augenhöhe zweier Erstklässler zu schlichten als sich plötzlich ein beträchtlicher Schwall Sand in meine Stiefel ergießt. Entrüstet drehe ich mich um und begegne dem entsetzten Blick von Zweitklässler Justus, der mir kopfunter durch seine Beine entgegenstarrt, den Po hoch in die Luft gereckt, die Hände noch zum Scharren erhoben. Erst in diesem Moment scheint ihm aufzugehen, wen er da eigentlich angebaggert hat. (Nicht, dass ihn die Tat selber peinlich berühren würde. Nein, Justus gehört zu dem Kaliber Kind, das sich jeglicher Materie mit vollem Körpereinsatz nähert. Das Kollegium schwankt zwischen Staunen und Entsetzen, wenn im Lehrerzimmer von den jeweiligen Fachlehrerinnen eine neue Justusanekdote zum Besten gegeben wird. Hat er doch schon Arbeitsblätter aufgegessen, Pinselwasser getrunken, sich nach Regentagen zuerst durch Schlammpfützen und anschließend über den Klassenboden gewälzt und uns auf so mannigfaltige Art seine Verhaltensoriginalität präsentiert.)

„Justus, mein Freund“, ich schaue ihn unter hochgezogener Augenbraue an, „wir setzen uns jetzt mal einen Moment hier auf die Bank!“

Er nickt betroffen, folgt mir aber umgehend und lässt sich neben mich plumpsen.

„Justus? Ich bin deine Lieblingslehrerin*, nicht wahr?“

Justus schaut mich weiterhin aus kullergroßen Augen an und nickt wieder. Ein wenig sieht er aus wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir schweigen eine Weile vor uns hin.

„Ich habe dich auch ziemlich gern.“ (Das stimmt sogar. Seltsamerweise habe ich einen guten Draht zu kleinen Aufmüpfern.)

„Meine Schuhe mag ich allerdings auch sehr…“, ich blicke betrübt auf meine Wildlederstiefel hinunter.

„Die sind auch echt schön“, haucht Justus.

„Jaaaa, das sind sie wirklich!“ Ich seufze einmal. Dann sitzen wir wieder eine Zeit still nebeneinander auf der Bank und machen gar nichts.

„Und jetzt?“, nehme ich das Gespräch wieder auf.

Sofort antwortet Justus pflichtschuldig: „Jetzt mache ich das nicht wieder…“

Schon möchte ich diese Standardantwort befriedigt abnicken, da fährt er fort: „…wenn Sie da sind.“

* Es ist nicht so schwer, eine Lieblingslehrerin zu sein, wenn man Musik unterrichtet und den Schlüssel zum Wunderland des Instrumentenraums besitzt.

phallische Phasen

Nicht alles, was ich von mir gebe, ist pädagogisch wertvoll.

Genaugenommen überdenke ich tatsächlich zu wenig des Gesagten. Ich könnte das nun „Erziehen aus dem Bauch raus“ nennen und mich in Wohlgefühl suhlen, da ich offensichtlich die aussterbende Fähigkeit besitze, intuitiv zu erziehen. Wären da nicht diese häufigen Momente, in denen mein Kleinhirn nach einer unbedachten Äußerung ein panisches „was war DAS denn gerade!?“ aussenden würde…

4.Schuljahr, die Stunde nach der großen Pause:

Nick (aufgebracht auf den neben ihm stehenden Nino deutend): „Der hat mir an den Pimmel gefasst!“

Nino (nicht minder aufgeregt): „Gar nicht, der hat an MEINEN Pimmel gefasst!“

Frau Weh (gedanklich abwesend, weil Klassenbuch ausfüllend): „Boah, Jungs! Ihr habt doch jeder selber einen, nehmt doch den.“

Örks.