Zuhören lernen

Prolog:

Aufgrund meines hohen Fachstundendeputats sehe ich die Viertklässler mit 10 Stunden viel zu wenig, um auch nur annähernd so zu unterrichten, wie ich es für richtig und sinnvoll halte. Nützt aber nix. Also schließe ich zähneknirschend Kompromisse mit mir selber, was unbedingt sein muss, und worauf ich eben verzichte. Nicht immer ist Chefin mit mir einer Meinung – muss der Montagskreis wirklich sein, Frau Weh? Im 4.Schuljahr noch?

Als ich heute den Schulhof betrete, um meine Klasse zu empfangen, nehme ich aus dem Augenwinkel wahr, wie Schmitti Marc in den Magen boxt. Beim Wechseln der Schuhe spricht Jonas Jens an, der sofort in Tränen ausbricht und sich zur Wand umdreht. Benedikt schubst Giuliano. Sinan kann keine Hausaufgaben vorlegen und Nick hat keine Entschuldigung für Freitag dabei. Wäre das nicht schon Grund genug sich zu ärgern? Ich winke sie in den Kreis.

Die Viertklässler greifen zu den Teppichfliesen, mit denen wir den Sitzkreis bilden. Es wird ruhig als Friederike den Erzählstein aus der Mitte nimmt und von ihrem Wochenende erzählt. Sie hatte ein Tennisturnier und den 2.Preis gemacht. Alle klatschen.

Jens spricht leise und stockend. Sein Vater ist in die Uniklinik eingewiesen worden. Er kann ihn nicht besuchen, denn Kinder unter 14 Jahren dürfen die Station nicht betreten. Jens erzählt, dass er nach der Schule zur Oma geht und dort über Nacht bleibt, seine Mutter fährt nach der Arbeit direkt in die Klinik. Er beginnt wieder zu weinen, mehrere Kinder trösten ihn. Andere bestärken ihn darin, Informationen einzufordern, schließlich habe er ein Recht darauf zu wissen, was los sei.

Alisa hat bei einer Freundin übernachtet, die heute aber krank ist. Sie erzählt, dass ihr der Hals weh tut und sie daher heute lieber nicht mitsingen möchte im Chor.

Benedikt berichtet, dass er am Wochenende mit Giuliano zum Wii-Spielen verabredet war und Giuliano einfach nicht gekommen sei. Giuliano entschuldigt sich damit, dass seine Patentante zu Besuch gekommen ist und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass es nicht ok wäre, dass Benedikt ihn deswegen geschubst hätte. Benedikt grummelt und nuschelt etwas, das „tschulligung“ heißen könnte. Giuliano nimmt an.

Sinans junge Katze ist am Sonntag überfahren worden. Seine Mutter hat sich daraufhin heftig mit seinem Vater gestritten, weil er die Balkontür beim Rauchen aufgelassen hat. Sinan ist mit seinem kleinen Bruder auf den Spielplatz gegangen und erst bei Anbruch der Dunkelheit nach Hause zurückgekehrt.

Marc war am Wochenende wie so oft im Eurodisney in Paris. Die Viertklässler stöhnen unisono auf, als er damit zu prahlen beginnt. „Du bist ein blöder Angeber!“, bringt Schmitti hervor. „Und du bist ein Arsch, weil du mich geboxt hast und neidisch, weil deine Familie arm ist!“, gibt Marc zurück. Die Klassensprecher greifen ein und verweisen auf den Klassenrat. Beide Jungen schreiben eine Beschwerde und stecken die Zettel in den Klassenbriefkasten, damit ist das Thema für heute erledigt.

Bei Wehs gab es am Sonntag Crepes. Alle sind sich einig, dass das eine schöne Sache sei.

Nino erzählt, dass er am Freitag seine letzte Therapiestunde hatte, er werde es jetzt so versuchen, sich in der Schule und zu Hause besser zu benehmen. Sein Sitznachbar klopft ihm auf die Schulter, andere bestätigen, wie gut er sich mittlerweile verhalte.

Jeannette war am Wochenende im Schwimmbad und Katherine im Zoo.

Der kleine Grabowski berichtet stolz, dass seine Mutter gestern ein leckeres Essen gemacht habe und er sogar ein Frühstück mithabe. Sinan zeigt ihm den hochgestreckten Daumen.

Nick will nichts vom Wochenende erzählen und Schmitti hat sich gelangweilt.

Epilog:

Die folgenden Unterrichtsstunden verlaufen entspannt. Auch die Fachlehrer berichten in der nachmittäglichen Konferenz von einer guten Atmosphäre bei den Viertklässlern und harmonischem Arbeiten.

Was ist dir denn über die Leber gelaufen?*

„Ich habe Sie vermisst!“, ruft Giuliano und wirft sich in meine Arme. Staunend bemerke ich, dass der Viertklässler in den Sommerferien mindestens 5 cm gewachsen ist und seine braunen Löckchen lustig vor meiner Nase auf- und abwippen. Auch ein paar Pünktchen wippen mit. Ich schaue noch einmal genauer hin und erstarre: Die Pünktchen haben Beine und Arme (und Hörnchen und Beißwerkzeuge, Kettensägen und weiß der Himmel, was sonst noch!). Sofort halte ich Giuliano auf Armeslänge von mir weg, ein Kribbeln läuft durch meinen Körper. Scheiße, Läuse!

„Giuliano? Juckt es dich auf dem Kopf?“

„Boah, total!“, lautet die ehrliche Antwort, untermalt von einem beseelten Kratzen auf der Kopfhaut. „Mein Bruder hatte in den Ferien Läuse. Da habe ich die ganze Zeit gedacht, ich krieg die auch.“

„Nun, jetzt sind sie da“, teile ich ihm mit und unterdrücke den furchtbar starken Impuls, mir ebenfalls das Haar zu raufen. In den vergangenen Jahren wurde unsere Schule immer wieder von ganzen Heerscharen kleiner Krabbler heimgesucht; Jacken wurden in Säcke gestopft, Haare stramm zusammengebunden und tonnenweise mit Haarspray verklebt. Der Geruch von Teebaumöl haftet bis heute dem Holz mancher Schülertische an, auf die in stummer Verzweiflung das ein oder andere Kinderköpfchen abgelegt wurde. Auf Beratungen folgten Belehrungen, sogar das Gesundheitsamt wurde kontaktiert. Und das alles, weil manche Eltern die notwendige Wiederholung der Behandlung nach 8-10 Tagen schwänzten. Waren doch schließlich schon alle tot, die Tierchen, wollja?

Wenig später steht eine sichtlich unerfreute Mutter vor mir, die meinen Hinweis, unbedingt auch die zweite Anwendung des Läusemittels durchzuführen mit einem verächtlichen Schnauben kommentiert: „Lehrer müsste man sein! Erst sechs Wochen Ferien haben und dann direkt die Kinder wieder nach Hause schicken!“

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragt mich kurz darauf Kollegin Müller, als ich mit säuerlicher Miene zurück in meinen Klassenraum gehe.

„Meine Klasse parasitiert schon wieder“, grummle ich als Antwort. Sekunden später kratze ich mich hingebungsvoll hinter den Ohren.

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* Pediculus humanus capitis!

Was vom Schuljahr übrig blieb

„Vier Kilo! Und du?“

„Dreieinhalb“, antworte ich seufzend. Dieser Punkt geht an Freundin und Kollegin Britta, mit der ich in einer Telefonkonferenz in der letzten Woche die Kollateralschäden des vergangenen Schuljahres vergleiche. Wir spielen dieses Spiel schon ein paar Jahre, beruhigt es doch ungemein, festzustellen, dass man nicht alleine dem Rande des Wahnsinns so verdammt nahe gekommen ist. In unserer diesjährigen Runde herrscht derzeit Gleichstand (größter Elternärger ging an mich, schwierigere Klasse an Britta, nervigste Kollegin ganz knapp an mich, dafür hat sie einen Punkt für ihren unkooperativen Ehemann bekommen, für unnötige Schultermine haben wir uns beiden einen Punkt zuerkannt), auch das beruhigt – scheint es doch wirklich so etwas wie ein kosmisches Gleichgewicht zu geben.

Wir unterhalten uns über unsere Ferienpläne und ich stelle überrascht fest, dass ich dieses Jahr keine fassen möchte. Weder habe ich einen Riesenstapel Bücher besorgt, noch eimerweise Wandfarbe. Es gibt keine Bestellungen von Fachliteratur und kaum feste Termine bisher. Leicht amüsiert nehme ich wahr, dass mir dieser Zustand keinerlei Unbehagen bereitet (so wie es die letzten Jahre noch der Fall gewesen wäre), ich mich sogar darauf freue, jeden Tag anzunehmen, wie er eben kommt. „Du wirst eben langsam reifer“, kommentiert Britta, „wie guter Käse!“ Zumindest die Farbe von Käse habe ich schon. Camenbert, nur mit Sommersprossen. Wenn ich an mir heruntersehe, fühle ich mich auch formal fatal an Weichkäse erinnert. Auf diese Äußerung schnaubt Britta nur laut auf. Wir verabreden, wenigstens jeden zweiten Tag Sport zu treiben und uns gesund zu ernähren. Ich denke an die Flasche selbstgemachten Erdbeerlikörs, die mir meine Referendarin zum Dank überreicht hat und stufe sie sofort unter gesund ein. Britta schlürft hörbar am anderen Ende der Leitung und kontert damit, dass die Eiswürfel in ihrem Prosecco null Kalorien hätten. Wir giggeln noch eine ganze Weile am Telefon herum und mit jedem Lachen purzelt ein Belastungspunkt nach dem anderen von uns bis wir das Gefühl haben, von oben auf die ganze Chose herabblicken zu können. Eine wilde Mischung aus Anstrengung, Einsatz, Ärger, Freude, schlechtem Gewissen, Tränen, Familienchaos, Rebellionsgeist und Schokolade ist es, die da zu unseren Füßen liegt. „Eigentlich halten wir uns wacker“, findet Britta und stippt mit der Schuhspitze in den Gefühlssee, „wir sind Alltagsheldinnen, jawoll!“

Am Ende des Telefonats gehe ich leicht beschwipst, aber ungemein guter Dinge ins Bett. „Ich werde jetzt eine Ferienheldin, Herr Weh, jawollja!“, nuschle ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite ins Ohr. „Hmmmm“, brummt er zurück. Aber das höre ich schon nicht mehr, ich bin eingeschlafen.

 

Es ist soweit

Da ist er schon, der letzte Schultag. Unfassbar weit weg schien er die letzten Wochen und nun klopft er an und fragt süffisant „Na, alles erledigt?“

Natürlich noch nicht so richtig. Tatsächlich liegt hier noch ein Stapel Hefte, der nachgesehen werden wollte und es dieses Schuljahr sicher nicht mehr wird, dafür ist die Klasse so gut wie leergeräumt, jedes Mal wieder ein Mordsunterfangen. Die Zeugnisse sind verteilt, die letzten Elterngespräche geführt. Morgen dann noch der Abschlussgottesdienst, das Feriensingen, ein paar High Fives, die ein oder andere Umarmung, ein letztes, hoffentlich allerletztes Telefonat mit dem Jugendamt und dann – Ferien! Kann jemand, der den Lehrerberuf nicht ausübt, wohl ermessen, wie tief die Bedeutung der Sommerferien geht?

Alles dreht am Rad

Heute hätte ich die Drittklässler an die Wand klatschen können. (Ob in der Hoffnung auf fesche Prinzen oder freche Frösche sei mal dahingestellt. Hauptsache einen Moment Ordnung im Chaos.) Da fehlen auf einmal Hefte und Hausschuhe, Hausaufgabenhefte und – schlimmer noch! – jegliche Haltung. Die Kinder lümmeln auf ihren Stühlen und kleben an ihren Tischplatten als wäre die Schwerkraft dieser Tage mal eben verdoppelt worden. Dann noch die Hitze! Die Drittklässler benehmen sich wie Dörrpflaumen. Aufmüpfige Dörrpflaumen!

„Boah, Frau Weh“, stöhnt Giuliano als er von mir einen Vermerk wegen nicht gemachter Hausaufgaben kassiert, „Sie sind doch bestimmt auch froh, wenn Sie uns mal eine Weile nicht sehen, oder?“

Ich hebe meinen Blick vom Heft und schaue ihn mit schmalen Augen an. „Ja“, antworte ich, „das kannst du aber laut sagen!“ Eine Weile spielen wir das Spiel wer zuerst blinzelt. Giuliano verliert und grinst frech: „Aber nach spätestens drei Wochen vermissen Sie uns!“

Ich gehe mit: „Frühestens nach fünf!“

„Vier!“

Vielleicht viereinhalb! Aber nur, wenn du deine Hausaufgaben erledigst!“

„Warum müssen wir eigentlich noch arbeiten?“, schaltet sich da Sinan ein. „Mein Bruder auf Hauptschule muss gar nix mehr machen, die gehen nur noch draußen und Filme und so.“

Ich werfe einen bösen Blick in die Runde: „Hier wird bis zum letzten Tag gearbeitet. Ach, was sag‘ ich, bis zur letzten Minute!“

„In der letzten Minute singen wir aber. Mit Ihnen übrigens!“, entgegnet Friederike spitz.

Ich seufze theatralisch: „Ihr seid wirklich ein unmöglicher Haufen!“

Giuliano lacht frech: „Ha ha, Sie vermissen uns jetzt schon!“

Happy Birthday!

Heimlich, still und leise ist mein kleiner Lieblingsblog heute 2 Jahre, 2 Wochen und 2 Tage alt geworden. Das Ganze eine Spur leiser als letztes Jahr , aber dennoch voller Freude.

Diese letzten zwei Jahre sind eine Zeit voller Entwicklung, die sich auch in den Beiträgen widerspiegelt. Anstrengungen, Aufregungen, viel Spaß, aber auch bedrückende Erlebnisse habe ich hier öffentlich gemacht, anfänglich für einige wenige Leser, später für ein immer größer werdendes Publikum. Immer, wirklich immer habe ich positive Rückmeldungen bekommen, die mir deutlich machen, dass dieser blog nicht nur konsumiert, sondern mit wirklichem Interesse und Anteilnahme gelesen wird. Das erfüllt mich mit Freude! Ich habe an dieser Stelle so viele Tipps bekommen, gut gemeinte Kritik, Denkanstöße und immer wieder Zustimmung. Manche von euch haben mir den Kopf zurechtgerückt, wenn es nötig schien, gut so! So viele von euch haben sich bei mir für meine Gedanken und Texte bedankt, was in diesem Medium leider nicht immer selbstverständlich ist. Dieses Danke möchte ich euch heute zurückgeben:

Danke, dass ihr meinen blog und auch mein Lehrersein begleitet!

Danke für eure Kommentare, eure guten Wünsche und die Bestätigung, die ihr mir so selbstverständlich gebt. Würde jede Kollegin, jeder Kollege so viel Rückendeckung erfahren, der Beruf wäre leichter!

Auf viele weitere geteilte Momente, herzlichst

eure Frau Weh

 

Schlecht, schlecht, schlecht!

Jetzt sind schon ein paar Tage vergangen und ich bin immer noch eine schlechte Lehrerin! Himmel! Nimmt das denn überhaupt kein Ende mehr?

Glücklicherweise bin ich nicht allein – meine Kolleginnen sind auch alle schlecht. Zumindest schlecht vorbereitet. Es ist Montagnachmittag und wir sitzen in einer Fortbildung zum Thema Diagnostik und individuelle Förderung. Gerade haben wir von den beiden Moderatorinnen vernommen, wie unterdurchschnittlich unser schulinternes Leistungskonzept ist. Eigentlich trifft unterdurchschnittlich es nicht genau. Tatsächlich wäre nichtexistent weitaus treffender, denn das ist es: gar nicht da! Wir haben keins und so wie Chefin uns fixiert, ist völlig klar, wer Schuld daran trägt.

Tatsächlich zeigt ein Blick in die Runde, dass die Motivation des Kollegiums durchaus größer sein könnte. Frau Mandel ist auf Krawall gebürstet und streitet sich mit den Moderatorinnen. (Sie hatte heute morgen Besuch von einem Kollegen einer weiterführenden Schule, der zwar des Lobes voll war, sich aber auf die erwartete Weiterentwicklung verschiedener Methoden sehr zurückhaltend äußerte. Nein, einen Sitzkreis würde er nicht so oft machen. Und diese Bilder an den Wänden! Hübsch. fürwahr! Doch leider ginge das bei ihm später nicht mehr – der Brandschutz, Sie verstehen? Und wie schön, dass Sie sich solche Mühe mit den Empfehlungen für die weiterführenden Schulen geben, leider spielen die bei der Schulwahl eine – nunja – untergeordnete Rolle. Aber er freut sich wirklich sehr darauf, uns in einem halben Jahr an seiner Schule begrüßen zu dürfen, um sich mit uns auszutauschen. „Nee, da hat er sich geschnitten, ich bin da raus!“, tönt Frau Mandel später, „ich gehe überhaupt gar nicht mehr zu den Erprobungsstufenkonferenzen mit den weiterführenden Schulen. Was denken die sich denn? Erst alle Kinder annehmen, auch wenn ich da Hauptschule draufschreibe und sich anschließend bei mir beklagen? Nee, nicht mehr mit mir!“)

Auch Frau Müller hat ihr Päckchen zu tragen. Seit dem Wochenende leidet sie unter Verstopfung. Dies entlockt ihr von Zeit zu Zeit einen schwermütigen Seufzer.

Frau Nachtschatten dämmert vor sich hin („Förderpläne? Hatten wir die früher eigentlich auch?“).

Frau Schmitz-Hahnenkamp lässt sich sauertöpfisch darüber aus, dass sie nicht bereit sei, auch nur einen einzigen Förderplan auszufüllen. Nicht für diese Kinder und erst recht nicht für diese Eltern!

Frau Abendroth ist… tja, eben Frau Abendroth, sie isst vier Radieschen, lässt sich versehentlich eins in den Ausschnitt kullern, springt wild gestikulierend auf und hüpft auf einem Bein, bis das kleine Gemüse unten wieder heraustrudelt (ganz rot ist es dabei vor Verlegenheit geworden, das arme Ding!). Anschließend setzt sie sich hin als sei nichts gewesen und setzt ein semi-interessiertes Gesich auf, um mir Sekunden später zuzuraunen „Ätsch, ich hab‘ ja nur noch kurz. Aber du musst noch 30 Jahre!“

Zu meiner Linken sitzt Chefin, die sich in jedem Wort der Moderatorinnen bestätigt sieht. Ein Jammer, dass sie ausgerechnet einem innovationsunfähigen Kollegium wie dem unseren vorstehen muss, man sieht es ihr deutlich an.

Ich blicke in die mir so vertraut gewordenen Gesichter. Müde sind sie geworden. Resigniert. Mir fällt ein, wie befremdet ich mittlerweile an manchen Morgenden angesehen werde, wenn ich fröhlich das Lehrerzimmer betrete, und fühle mich darin bestätigt, dass es langsam Zeit wird Abschied zu nehmen. Ich wünsche mir ein Kollegium, das weniger jammert. Sich gegenseitig mehr unterstützt und im Team arbeitet. Ich wünsche mir Kolleginnen, die bereit sind, ein Kind auch mit seinen Schwächen anzunehmen. Ich wünsche mir weniger vorwurfsvolle Post-Its auf meinem Schreibtisch und bessere Absprachen. Einiges mehr steht noch auf meiner Liste, doch lautet der vordringlichste aller Punkte schlicht Veränderung.

Nach der Konferenz fasse ich mir ein Herz und teile der Chefin mit, dass ich mich versetzen lassen will.

Ein Elterngespräch…

Heute bin ich eine schlechte Lehrerin. (Gestern war ich das vermutlich auch schon, aber da habe ich kein Elterngespräch geführt, in dem mir dieser Zustand explizit erläutert wurde.)

Frau Drempel sitzt mir gegenüber und starrt mich böse an. Ich habe es gewagt die Leistungen ihres Sohnes in Religion mit einem befriedigend zu bewerten.

Wir gehen jeden Sonntag in die Kirche! Er kann schon das Vaterunser! Wie kann das sein, dass Sie meinen Sohn, der sich zwar nie meldet und auf Fragen mit der Standardantwort „weeeeeeeiß niiiiich“ antwortet, so abstrafen? Sind Sie keine Pädagogin? Oder gar wirklich eine von denen? Die, die immer so nett tun und sich dann freuen, wenn sie einem Kind, ach, was sag ich, einer ganzen Familie eins reinwürgen können? Haben Sie sich eigentlich mal Gedanken über Gerechtigkeit gemacht? Ach, Sie halten sich also für gerecht! Aha! Und warum kann mein Sohn denn in einer 30er-Gruppe keinen Einzelplatz haben? Er wünscht dies schließlich ausdrücklich! Mensch, Samuel, sag mal was!

Weeeeiiiiß niiiiich

Da sehen Sie, der hat schon Angst vor Ihnen! Das haben Sie jetzt davon! Ich wusste das von Anfang an, das stimmt nicht bei Ihnen beiden. Wenn Sie die Kinder dann noch so zusammenpferchen. Der Sitznachbar, der geht also gar nicht. Kein Benehmen und die Familie! Wissen Sie eigentlich, was da läuft? Nein, natürlich nicht, wie denn auch, Sie sind ja immer mittags sofort weg, ich habe Sie fahren sehen. Schön, wenn man sich so einen Halbtagsjob leisten kann!

Aber eins noch, wir sind sehr enttäuscht! Sehr enttäuscht von Ihnen, das muss ich jetzt einfach mal so sagen. Wie? Sie benoten die Leistung!? Und er zeigt wenig davon? Ich war auch immer still! Und ich habe trotzdem mein Abitur! Mein A-bi-tur! Ob mir der Begriff sonstige Mitarbeit etwas sagt? Wir sind doch hier in der Grundschule! Wie, da geht die Notenskala von 1-6!? Wie meinen Sie das denn jetzt? Geben Sie denn auch Vieren? Dann müssten in Samuels Klasse ja mindestens 7, nein 10 Kinder eine haben! Na, da bin ich aber mal wirklich gespannt auf die Zeugnisse! Sie können davon ausgehen, dass wir Eltern vergleichen werden! Ja und bei den anderen Lehrerinnen da kommt der Samuel ganz anders an, aber Sie scheinen sich ja nicht abzusprechen. Und überhaupt kenne ich das von anderen Schulen ganz anders!

Wie können Sie nur! Nein, wir sind so betroffen! Meine Mutter musste ihre Blutdruckpillen nehmen. Die hatte immer eine so hohe Meinung von Ihnen! Was hat sie immer geschwärmt, was Sie da immer mit den Kindern so toll in der Kirche gemacht haben. Aber jetzt das. Das ist unglaublich! Und ich erwarte, ja, ich er-war-te von Ihnen, dass Sie mich regelmäßig über den Leistungsstand meines Sohnes informieren! Wir lesen jedes Thema in der Bibel nach! Wie, ich kann das nicht erwarten in einem Nebenfach!? Ja, hallo? Ist das Ihr Job, oder meiner?

Meiner!? Ich muss mir als Mutter also wirklich von jeder Lehrerin die Informationen selber einholen, wenn sich mein Kind derart verschlechtert? Ja, ich rege mich auf! Sie sehen das ja sehr locker! Hat Samuel Sie nächstes Jahr eigentlich immer noch in Religion? Aha, na das kann ja was werden!

Und wie ist es in Musik? Was bekommt er da?

WIE BITTE!??

Kinderkacke, Teil 2

„Denise?“

Keine Antwort.

Ich klopfe leicht auf das angelehnte Toilettentürchen. „Denise, ich mache jetzt mal die Tür auf.“

Klein-Denise thront mit hochkonzentriertem Blick auf der Keramik. Das Pony hält sie fest im Arm; der Versuch, die beiden für den Moment zu trennen, schlug nicht nur in höchstem Maße fehl, sondern vielmehr in sofortiges lautes Gebrüll um. Leider lockte auch das die abwesende Mutter nicht an, deren Rolle ich gerade nicht ganz freiwillig übernehme. Zu allem Übel habe ich mich offensichtlich bei meiner Rechnerei auch noch um den Faktor der fremden Nasszelle vertan – es dauert, und zwar lange. Es vergeht Zeit, die ich nicht habe: In knapp 15 Minuten wartet der nächste Testtermin auf mich. Auch Klein-Lorenzo möchte dem Pfiffikus-Haus ganz dringend einen Besuch abstatten. Aber wenn ich eins in den vergangenen Jahren gelernt habe, dann die Tatsache, dass sich die kindliche Verdauung selten an Regeln hält. Et kütt, wie et kütt. Ich lasse daher die Tür wieder sanft zufallen, seufze einmal leise und tue das, was ich in solchen Situationen immer mache: Ich sage die Bürgschaft von Schiller auf.

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande…

In einer bekannten Frauenzeitschrift habe ich gelesen, dass es der eigenen Psyche äußerst dienlich sei, Wartezeiten als Ausgleichszeiten anzusehen und zur Entspannung zu nutzen. Gutes Karma, innere Balance usw. Also ziehe ich so viel positive Energie aus diesem unsäglichen Augenblick, wie eben geht und genieße obendrein die gute Akustik der gekachelten Toilettenräume. Ich lasse meine Stimme orgeln und brausen und schaffe es sogar, das permanente Rauschen der defekten Klospülung in der Zelle hinter mir zu übertönen:

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.

Langsam beginnt mir die Sache Spaß zu machen, da…:

„Was. Fällt. Ihnen. Eigentlich. Ein!“ Unvermittelt steht die abtrünnige Mutter vor mir und schnaubt. Ich möchte schwören, sie sei dem gekachelten Boden entwachsen, so plötzlich ist sie da. Prompt verhaspele ich mich im Gedicht (was ich nicht leiden kann) und deute völlig aus dem Konzept gebracht auf die Toilettentür: „Ihre Tochter musste auf die Toilette und wir konnten Sie nicht finden! Wo waren Sie denn?“ Zwar stecke ich ein ordentliches Maß an Missbilligung in meine Stimme, dennoch werde ich mühelos von der wogenden Wucht der Walküre übertroffen:

„Dat muss die immer um die Zeit. Ich hab‘ doch gesacht, was für eine Scheißidee hier mit der Schule und so! Manche von uns“, sie schaut mich wütend an, „müssen gerade arbeiten! Kacke aber auch!“

Bevor ich mich darüber freuen kann, in welch wunderbar entspannter Atmosphäre ich gerade mein Geld verdiene, geschehen mehrere Dinge in enger Abfolge. Aus der Kabine vor uns ertönt ein angestrengtes Knurren, dann ein Platschen, ein Quietschen als sich Klein-Denise vom Sitz schiebt, ein erneutes Platschen und ein ohrenbetäubender Schrei:

„POOOOOOOOOOOONYYYYYYYYYY!!!!!!!“

„Was ist das denn jetzt?“ Die Mutter von Denise blickt zwischen mir und der Toilettentür hin und her.

„Das“, und ich setze ein äußerst bedauerndes Gesicht auf, „ist dann wohl mal wirklich Kacke!“

Auf dem Weg zum Hausmeisterbüro, aus dem ich nun verschiedene Ausrüstungsgegenstände für die fluchende Mutter hole, merke ich, wie sehr mich dieser Moment des Innehaltes tatsächlich entspannt hat. Ich lächle in den Morgen und nehme meine Rezitation wieder auf:

Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen

Schiller ist voll Wellness!

Kinderkacke, Teil 1

„Sag mal Bolimeeeedu!“

Die kleine Denise würdigt mich keines Blickes. Stattdessen beschäftigt sie sich viel lieber mit dem mitgebrachten Stoffpony, das sie über den vor ihr ausgebreiteten Spielplan hüpfen lässt. Es zeigt ein Haus mit mehreren Zimmern und in all diesen Zimmern warten lustige Aufgaben auf Denise, die leider den darin versteckten großen Spielspaß noch nicht entdecken konnte.

„Knegiiiba? Jakeeedu?“

Keine Reaktion.

Es ist ja nicht so, dass ich die Dreieinhalbjährige nicht verstehen würde. Blöd genug, dass es bis jetzt keinen Kindergartenplatz für sie gibt. Noch blöder, dass sie dadurch nicht an der ersten Stufe der Sprachstandserhebung hat teilnehmen können – die wird nämlich wenigstens in einer kleinen Gruppe und unter Anleitung einer Erzieherin durchgeführt. Am allerblödesten aber, dass sie nun in der Schule sitzen muss, morgens um 8.00 Uhr, einer Zeit, in der sie normalerweise im Schlafanzug Richtung Frühstückstisch schlappt, und sich von einer wildfremden Person (moi!) dämliche Fragen stellen lassen muss. Oder weiß hier jemand, wie die Mehrzahl von Dopf gebildet wird? Ihr wisst gar nicht, was ein Dopf ist? Tja, die kleine Denise auch nicht und vermutlich ist auch das einer der Gründe, warum sie mich bereits in die Kategorie „seltsame Erwachsene“ eingeordnet hat. Für ihre Mutter bin ich (und das gesamte Schulsystem mit mir) sowieso bereits völlig unten durch.

„Wissen Sie eigentlich, was Sie hier den Kindern antun!?“, schmettert sie mir entgegen, als ich sie auf dem Schulhof in Empfang nehme. Ihre orange-roten Nägel klickern auf der Oberseite ihres Smartphones den Bolero von Ravel. (Ich vermute es ist ein Zufall, freue mich aber dennoch darüber. Die kleinen Freuden des Alltags, ihr wisst schon…) Der Lidstrich ist tiefschwarz und bestenfalls unbarmherzig zu nennen, was auf den gesamten Auftritt der auf Krawall gebürsteten Mutter zutrifft. Da nützt es gar nichts, dass Chefin zur Testung der kleinen Kunden von morgen extra mich als Kennerin der Materie Altersstufe ins Rennen schickt. „Da müssen wir hier in die Schule! Wissen Sie eigentlich, wieviel Uhr es ist!? Das Kind schläft ja noch! Ich könnte kotzen, echt!“ Schön, wenn der Morgen direkt mit einer ordentlichen Aufgabe beginnt.

Ich zähle zunächst die Ausrufezeichen in ihrer Rede (mindestens 5), dann langsam im Kopf bis 3 und lächle die Mutter entwaffnend an: „Nicht wahr? Was die sich da wieder ausgedacht haben! Tststs. Aber wir machen uns das jetzt mal ganz nett“, öffne mit großer Geste die Tür zu einem Klassenraum, „und kommen erstmal in Ruhe an.“

„Ja, wie? Soll ich da jetzt etwa mit? Nicht Ihr Ernst!? Ich hab‘ auch noch was zu tun. Echt jetzt, ich warte vor der Tür!“ Sagt’s und lässt mich mit Klein-Denise, Stoffpony und offenem Mund stehen.

Einige Zeit und manch vergeblichen Animationsversuch später wendet Klein-Denise mir dann endlich ihr Gesicht zu und nuschelt etwas ins Ponyfell. Ich fasse augenblicklich die Hoffnung doch noch ein paar Punkte in den Diagnosebogen eintragen zu können und beuge mich ein wenig näher: „Was sagst du?“

„Muss Kacka!“

Na super.

„Komm, Spätzchen, dann gehen wir mal schnell zur Mama.“ Routiniert wuchte ich Denise vom viel zu großen Stuhl und eile mit ihr im Laufschritt zur Türe. Dahinter… keine Mama!

„Muss Kacka!!“

Ich bemerke, dass der Tonfall von Klein-Denise eine gewisse Dringlichkeit angenommen hat, vergleiche mit ähnlichen Situationen aus dem Hause Weh, füge eine Portion Unwohlsein ob der fremden Umgebung hinzu, multipliziere mit der Abwesenheit der Mutter und komme zum Schluss, dass uns nur noch wenige Momente von einer Katastrophe trennen. Also klemme ich mir Klein-Denise fluchend unter den Arm und eile im Stechschritt zur Lehrertoilette, drehe nach ein paar Metern wieder um (kein Kindersitz!) und laufe nun schon schneller Richtung Schülertoilette, den Blick nach allen Seiten wendend – wo zum… befindet sich die Mutter!? Wäre mein Leben ein Comic, dann schwebte jetzt gerade eine Gewitterwolke voller schlimmer Zeichen über meinem Kopf.

Fortsetzung folgt