Waka Waka

PROLOG:

Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und seufze. Die Schwerkraft zollt ihren Tribut. (Ich bezahle.) Die Schule zerrt an meinen Nerven. (Ich bezahle.) Wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass das Leben seine Spuren fast an jedem Körperteil hinterlässt. (Ich be zahle schließe die weitere Bestandsaufnahme zu vertagen und einen Kaffee zu trinken.)

„Frau Wehee?“

Es ist wieder soweit. Super, da bin ich ja mal richtig in Stimmung für. Ich habe es in dem Moment geahnt, in dem Melina aus der 4a S H A K I R A an die Tafel schrieb. In geschwungenen Buchstaben. Mit Herzchen auf dem i. In jedem 4.Schuljahr taucht bei der Inselmusik früher oder später die quirlige Kolumbianerin auf und geht mir auf die Nerven.

„Frau Weeheee, Sie sind ja gleich alt wie Shakira!“, trötet Rania in den Raum. „Echt?“ Timo ist sichtlich irritiert. „Das sieht man ja gar nicht.“ Es ist keine Freude, wenn man das Alter eines Popstars nicht nur teilt, sondern die Geburtstage gerade mal in Spuckweite auseinander liegen.

„Kann ich jetzt mal mit meinem Referat weiter machen?“ Melina ist genervt, sie will fertig werden: „Shakira wiegt ca. 53 Kilo und sieht sehr gut aus. Sie tanzt seit ihrer Kindheit und trainiert viele Stunden am Tag.“ Ein Zwischenruf stört das wiederaufgenommene Kurzreferat. „Frau Weheee? Wieviel wiegen Sie?“

– – –

„Frau Weh? Sagen Sie doch mal!“ Schnippsend meldet sich Nele: „Ich weiß das, Sie haben das mal in mein Freundebuch geschrieben. Frau Weh wiegt grsbrmls Kilo!“ Beifallheischend schaut sie mich an.

Danke, Kind.

„Das ist aber mehr als Shakira.“ Timo wieder.

Unwesentlich. Ich kann Shakira nicht leiden. Ich finde ihren sehnigen Bauch gruselig und wenn sie mit dem Popo wackelt, dann möchte ich da manchmal draufhauen. Aber nicht aus freundschaftlichen Gefühlen. Die jauligen Anteile ihres Gesangs schätze ich auch nicht sehr.

Die Mädchen hingegen lieben Shakira. (Alles an ihr.) Die Jungs finden sie ebenfalls ziemlich toll. (Manche Teile.) Sie schauen sich das von Melina erstellte Plakat nebst ausgeschnittenen Fotos aus der Bravo jedenfalls sehr genau an. Man kann aber auch viel sehen. Es muss warm sein, dort, wo Shakira wohnt.

Hier ist es kalt. Und es regnet. Und meine Laune ist schlecht. Mir ist grad mal nicht nach Waka Waka.

 

EPILOG:

Ich stehe vor meiner CD-Sammlung und lande bei Björk. Es wäre an der Zeit, das 4.Schuljahr einmal richtig zu quälen. Ich lächle eisig und greife mir Medúlla.

Zieh dich warm an, Shakira Isabel Mebarak Ripoll, die nächste Inselmusik geht nach Island. Nicht, dass du dir da das Bläschen verkühlst…

Disziplinarmaßnahmen

„Können Sie mir das erklären?“

Hilfesuchend wendet sich Renés Mutter an mich. Sie hält einen gelben Zettel in der Hand. Ich muss kurz meine Synapsen aktivieren. Die sechste Stunde ist gerade vorbei und ich suche in meinem Gehirn nach einer Stelle, an der die Information René-Mutter-Problem andocken könnte. War da was? Was war denn da? Aaaaahja… ich musste mal wieder zwei Stunden zum Sprachtest in den Kindergarten währenddessen meine Klasse verteilt war. Kollegin Müller, die unter anderem René und Tom1 zugeschoben bekam, beschwerte sich in der kleinen Pause bei mir über das Verhalten der beiden.

„Gar nicht stillsitzen konnten die. Keinen Moment. Da waren meine Erstklässler ja weniger wuselig! Ich habe den beiden einen Regelzettel mitgegeben.“

Ja nun, wir wissen alle, dass das stumpfe Abschreiben von Regeln nur ein Ausdruck pädagogischer Hilflosigkeit ist. Eine Verhaltensänderung zieht das jedenfalls nicht nach sich. Dennoch gebe ich auch wennsdenngarnichtandersgeht als Sofortmaßnahme schonmal den Auftrag, über das soeben gezeigte Verhalten zu reflektieren. (Schriftlich. Mit Unterschrift der Eltern. Ich werde ja als Mutter auch ganz gerne darüber informiert, wenn der Nachwuchs sich daneben benimmt.) Und manchen Schülern gelingt sogar zum Thema „Was sind die Auswirkungen andauernden Pfeifens während des Religionsunterrichtes?“ ein literarisches Kleinod. Und überhaupt schreiben die Kinder heute zu wenig. Training tut also Not. Immerhin – und da sind wir uns im Kollegium ja auch alle einig – lassen wir keine stupiden Sätze abschreiben, sondern bauen auf die drei Stützpfeiler moralischen Handelns Erkenntnis, Einsicht und Verhaltensänderung.

Ich erkläre der Mutter, die ich übrigens für ihren realistischen Blick auf die eigene Brut sehr schätze, also die Situation. Sie sei, sagt sie, erleichtert darüber, dass die Versetzung nicht gefährdert sei. René habe so geweint als er nach Hause kam. Ich bin irritiert, blicke auf den verwarngelben Zettel und lese 20x

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

 

Oha…

 

mizaru, kikazaru, iwazaru

„Das erinnert mich doch an was.“

Die Leiterin des Offenen Ganztages unterdrückt mühsam ihr Lachen als sie an der Leseecke vorbeikommt.  Ich blicke auf die drei Zweitklässler herab, die wie ein Häuflein Elend vor mir auf dem Sofa sitzen. Benjamin hält sich ein Kühlpack ans langsam zuschwellende Auge, Jens drückt eine Kompresse aufs lädierte Ohr und Mia-Sophie stemmt sich ein Knäuel Papiertaschentücher auf Nase und Mund. Ich würde mich gerne von der guten Laune der Vorbeiziehenden anstecken lassen, aber ich kämpfe gegen eine leichte Übelkeit. Mia-Sophie, die leider zur falschen Zeit am falschen Ort war und sich so einen Faustschlag auf die Nase einfing, blutet nämlich nicht nur heftig, sondern hat auch noch einen fatalen Schnupfen. Der tiefrote dickflüssige Glibber macht mich schier handlungsunfähig. In rauen Mengen quillt er zwischen ihren Fingern hervor. Donnerstag ist mein einziger Tag ganz ohne Pausenaufsicht. Beinahe hätte ich es zur Kaffeemaschine geschafft.

„Die drei Affen von Nikko“ nicke ich zustimmend und wische tapfer blutigen Schleim weg.

Benjamin und Jens haben sich gezankt. Erst nur ein bisschen. Dann ein bisschen mehr. Jetzt sitzen sie schuldbewusst vor mir und harren der Dinge, die da noch kommen. Und sie werden kommen. Ich bin schlecht gelaunt. Die Wehwehchen sind krank, ich habe nicht gut geschlafen und außerdem muss ich beim Schulamt anrufen. Irgendeine wahnsinnig wichtige Statistik über die Inklusion und wie es so läuft. Natürlich muss ich in der Pause anrufen. Nachmittags ist da ja keiner mehr. Und E-Mail geht auch nicht, das Netzwerk mal wieder.

Ich lasse den beiden Seuchenvögel die Wahl. Entweder sofortiges Einstellen der Heulerei nebst Handreichen und Tutmirleid-Tutmirauchleid oder eine Stunde extra und das Ganze schriftlich. Ich habe wirklich miese Laune. Der nun zu erwartende nachmittägliche Anruf von Supermom macht die Sache nicht besser. Die beiden Missetäter entscheiden sich für Variante A und schütteln sich grinsend die Hände. Es klingelt. Na toll.

„Tschuldigung, Frau Weh, wegen deiner Pause.“

„Morgen prügeln wir uns nicht. Ehrenwort!“

Treuherzig der eine, reumütig der andere blicken die beiden zu mir auf. Die Tränen haben helle Spuren auf den ansonsten staub- und dreckverkrusteten Gesichtern hinterlassen. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schiebe wortlos – aber ganz stummer Vorwurf – die arme, verschwollene Mia-Sophie vor mir her in die Klasse. Na, wers glaubt.

Mein Wunschzettel

Liebes Christkind,

ich bin es, die Frau Weh. Wir kennen uns ja schon. Letztes Jahr habe ich mir einen neuen CD-Player für den Musikraum gewünscht und ein paar Trommeln. Vielen Dank noch einmal dafür, das hat ja gut geklappt.

Hier ist mein Wunschzettel für dieses Jahr:

  1. Mehr Zeit. Ich würde mich freuen, wenn ich etwas mehr zu dem käme, was ich richtig gut kann. Das ist übrigens UNTERRICHTEN. Das mache ich gut und in der Regel auch sehr gerne. Dieses Jahr musste ich viel nebenbei machen. Ich sitze in Arbeitskreisen, bei denen über Förderkonzepte oder das Schulprogramm geredet wird. Ich informiere mich regelmäßig bei Therapeuten jeglicher Fachrichtungen oder sitze in Büros des Jugendamtes. Im Kindergarten überprüfe ich den Sprachstand von vier- und jetzt auch fünfjährigen Kindern. Das mache ich während meiner Unterrichtszeit. Meine Klasse ist dann leider aufgeteilt oder hat Vertretungsunterricht. Ich schreibe lauter Pläne und brüte in Konferenzen über noch mehr Plänen. Das ist schade, ich würde viel lieber neue Ideen entwickeln oder mich fortbilden. Manchmal würde ich mich auch einfach gerne regenerieren, damit ich bei Kräften bleibe. Denn anstrengend ist es schon.
  2. Mehr Ruhe. Es wäre schön, wenn man mich eine Weile mit neuen Konzepten in Frieden lassen würde. Dann könnte ich mir meine Schüler anschauen, um so selber zu sehen, welche Fortschritte schon erzielt wurden und welche Hilfen nötig sind. Ich könnte überzeugend sagen „hey, das hast du richtig gut gemacht!“ oder „na komm, das üben wir noch einmal zusammen!“ statt individuelle Förderpläne auszufüllen und Missstand an Missstand zu reihen.
  3. Eine Schulleitung, die mir – wo nötig – auch mal den Rücken freihält. Die sich auch mal traut „Nein!“ zu sagen, wenn lauter neue, lustige Vorschläge vom Schulamt oder vom Bildungsministerium kommen, was man noch so alles in der Schule ausprobieren könnte.
  4. Mehr Personal. Es wäre wirklich schön, wenn jemand anderes meine Klasse und die 70qm im Musikraum kehren könnte. Auch die Bestellung von Ersatzteilen oder Neuanschaffungen würde ich gerne an jemand abgeben. Ein an jedem Tag besetztes Sekretariat wäre ein Traum. Oh und eine Schulkrankenschwester wäre auch klasse! Und, bitte, bitte, liebes Christkind, mach, dass wir nächstes Jahr, wenn unser Hausmeister in Rente geht, einen neuen bekommen. Es ist ganz schrecklich ohne!
  5. Mehr Unterricht. Es wäre toll, wenn alle zusätzlichen Angebote wie Zahnarztkontrolle, Büchereibesuch, Schulfotograf und so weiter am Nachmittag stattfinden könnten und nicht in meiner Kernunterrichtszeit. Es wäre auch schön, wenn ich nicht andauernd irgendwelche Zettel austeilen und Abschnitte wieder einsammeln müsste. Das frisst so viel Zeit, die ich gar nicht habe. Zwei Stunden Deutsch mehr pro Woche wären sinnvoll.
  6. Eigene Arbeitsplätze für jede Kollegin. Ich würde viel lieber länger in der Schule bleiben, wenn ich wüsste, wohin mit mir und meinem Material. Das Fach, das uns zugewiesen wurde, ist leider sehr klein.
  7. Eine Papiertüte.

Liebes Christkind, ich weiß, es ist viel. Bitte halte mich nicht für unmäßig! Ich würde mich schon sehr darüber freuen, wenn du nur einen oder zwei Wünsche erfüllen könntest. Ich bin auch noch eine ganze Weile hier. Du könntest die Wünsche vielleicht über ein paar Jahre abschreiben. Oder in Raten erfüllen. Ich habe ja noch 30 Jahre und ein paar zerquetschte. Da lässt sich doch sicher etwas machen, oder?

Herzlichst, deine Frau Weh

Bitte nicht stören

Gestern bin ich im Baumarkt unterwegs gewesen. Energiesparlampen, ein neuer Klodeckel (die Wehwehchen kriegen Klodeckel klein wie Termiten ein Gartenhäuschen, unvorstellbar), dies und das. Im Mittelgang zwischen Schwingschleifern und dem Schöner-Wohnen-Farbwelt-Mischer stand eine kleine Holzbank. Ein hässliches flaches Kissen lag auch darauf. Darüber ein Schild mit der Aufschrift

RUHEZONE

FÜR UNSERE KUNDEN

BITTE NEHMEN SIE PLATZ!

Im Radius von 3 Metern standen verschiedene Monitore, auf denen lautstark  Do it yourself-Videos liefen („Führen Sie den Exzenterschleifer mit leichtem Andruck über die Arbeitsfläche“, „…fragt man sich häufig, welcher Mörtel füllt Fugen zuverlässig…“, „Um den Zylinder zu fixieren, werden nun Zylinder und Schloss miteinander verschraubt“). Die plärrende Durchsage („Frau Wink-Lammel 208, Frau Wink-Lammel bitte!“) komplettierte das akustische Fiasko. Außerdem zog es wie Hechtsuppe. Fürwahr, ein schöner Platz zum Verweilen. Wie verzweifelt oder fertig muss man sein, um gerade hier auszuruhen?

Nun, ich weiß es.

Unser Lehrerzimmer ist auch so ein theoretischer Ort der Ruhe. Praktisch will immer irgendjemand irgendwas von einem. Mal ein paar Minuten Ruhe tanken? Für einen kurzen Moment die Gedanken oder das Material für die nächsten Stunden sammeln? Fehlanzeige. Die größte Hürde liegt in der offenen Tür des Chefinbüros. Da kommt man in der Regel nicht vorbei, ohne einen Auftrag oder einen Kommentar mitzunehmen, den man bis dato gar nicht vermisst hatte. Ich wollte heute nach sechs wahrlich zermürbenden Stunden einfach nur kurz meine Sachen holen und der Referendarin Mut zusprechen. Unglücklicherweise hatte ich die Rechnung ohne Chefin gemacht.

„Aaaah, Frau Weh!“

„Hmmja?“

„Weißt du, ob die schulinternen Curricula für Musik und Religion bereits existieren?“ Blöde Frage. Denn erstens gibt es außer mir niemanden, der das machen würde und zweitens habe ich das noch nicht gemacht. Sonst wären sie ja da. Ich weiß das. Chefin weiß das. Aber irgendwie muss man das Gespräch ja beginnen.

„Ich weiß nicht, hat die schon jemand geschrieben?“ Manchmal hilft es ja, sich blöd zu stellen.

„Das ist wohl deine Aufgabe.“ Ach nee. Überraschung.

„Ja dann… bis wann?“

„Also Montag…“

„BITTE!?“

„Also Montag sprechen wir in der Konferenz darüber. Es fehlen ja noch andere Arbeitspläne. Kunst zum Beispiel. Du bist doch so engagiert im Kunstbereich…?“

Ich nehme die Beine in die Hand und renne ins Lehrerzimmer. Dort lasse ich mich auf einen Stuhl und meinen Kopf mit einem lauten POING auf die Tischplatte fallen. Die Referendarin schaut mitleidsvoll von ihrem Unterrichtsentwurf auf. Ich entwickle mehr und mehr Verständnis für Kollegen, die sich Sofas, Aquarien und Kaffeemaschinen in ihre Klassen stellen. Der Weg ins Lehrerzimmer ist immer so anstrengend. Ich nehme mir vor, morgen die Senseo einzupacken und mitzunehmen. Außerdem Hammer und Nagel, damit ich meinen Mantel nicht mehr an der Lehrergarderobe aufhängen muss. Vielleicht noch ein hübsches Kissen für meinen Schreibtischstuhl. Oh, und unbedingt so ein Schild BITTE NICHT STÖREN. Nach dem Auspacken und Einrichten kann ich mir die leere Tüte dann prima über den Kopf stülpen.

Falls ich doch noch einmal am Büro vorbei muss.

Mach mal Pause

Ein Schultag wie Kaugummi so zäh. Die Zweitklässler machen den Eindruck, als wären sie gestern zu spät ins und heute kaum aus dem Bett gekommen. Es ist so still in der Klasse, dass es fast irreal wirkt. Immerhin, sie haben die Augen offen und nur Tom1 legt den Kopf auf die Tischplatte. Er ist ihm zu schwer geworden.

Allein, was nützt es? Auch wenn man – gerade zwischen Herbst- und Weihnachtsferien – einen anderen Eindruck bekommen könnte, Grundschule besteht nicht nur aus einer Aneinanderreihung toller Events und spannender Sachunterrichtsreihen, zwischendurch muss auch mal Deutsch gemacht werden. Ich hänge sowieso im Deutschbuch total hinterher. Ich glaube, wenn wir mit Licht & Schatten durch sind (und der Kalender fertig ist…), dann mache ich mal eine ganze Woche lang nur Deutsch. Aber wahrscheinlich ist dann schon wieder Weihnachten. Dann verschieb ich es wohl auf das nächste Jahr. Aber die Zweitklässler wissen, was Nomen sind und dass man sie großschreibt. Den Adjektiven nähern wir uns vorsichtig und Verben können sie schon lange. Nach dem ABC sortieren geht – wenn auch mühsam sobald die ersten drei Buchstaben identisch sind – außerdem wissen sie um die Großschreibung von Satzanfängen. Lesen tun sie ganz passabel (auch wenn wir aus dem Lesebuch bisher lediglich drei Witze gelesen haben) und über Gänsefüßchen lachen sich noch alle kaputt. Im Großen und Ganzen bewegen wir uns also im Zeitplan.

Heute geht es um Wortfamilien. Das Buch benutzt den Wortstamm SPIEL als Vorlage. Etwas schleppend, aber leidlich motiviert sortieren die Zweitklässler die Wortbausteine zu verschiedenen Wörtern der Wortfamilie. Mitspieler, Spielplatz, Spielzeug, mitspielen. Alles kein Problem. Dann sollen sie eigene Mitglieder der Wortfamilie finden. Jetzt zeigt sich, dass Transferleistung nicht gerade die Spezialität meiner Klasse ist. Als hätte ich die Wunschzettel und nicht die Deutschhefte vor mir: Lego, Computer, Filly Fairy und Pause. Pause?

„Ja“, meint Leon „ich brauche jetzt Pause.“

„Was hat die Pause denn mit unserer Wortfamilie zu tun?“

Leon guckt mich an als könne er kaum glauben, wie dumm ich sei.

„Na, da geh ich spielen!“

Freude

Ich habe gerade ein Foto vom Chorauftritt per E-Mail geschickt bekommen. Wuselig, trubelig, Massen von Kindern. Mittendrin Lennox, ganz klein, ganz still, ein feines Lächeln im Gesicht.

Neben all dem Stress, dem Ärger, dem immer wiederkehrenden Gefühl nicht genug getan zu haben, noch mehr tun zu können, sind es diese Momente, für die ich meine Arbeit liebe und sie gerne mache.

Immer wieder von neuem.

Schön, dass ich das mit euch teilen kann.

Advent, Advent

Ich will auch mehr von Herrn Weh, definitiv. Wärmflasche, Tee, fertiger Blogeintrag – genau das, was ich gebraucht habe. Lehrergatten haben den Familienzuschlag definitiv verdient.

Mehr als 12 Stunden Schule am Stück, da baue ich irgendwann ab. Insgesamt war es aber ganz nett. Manche Kinder haben sogar Dinge gebastelt am Bastelnachmittag. Andere haben sich sytematisch durch die vor den Klassen aufgestellten Keksteller gefuttert, wieder andere haben den Nachmittag genutzt, um sich auf dem Schulhof zu kloppen. Das fand ich ganz spannend, weil sich daraufhin die Eltern der Kinder miteinander angelegt haben – ebenso lautstark, aber ohne Körpereinsatz – da konnte man durchaus Ähnlichkeiten feststellen. Übrigens arbeiten wir seit Jahren mit Gewaltpräventionsprogrammen. Aber Blut ist nunmal dicker als Wasser.

Der Auftritt des Schulchores (man erinnere sich: Rentiergeweihe, Kokosnüsse, dicke rote Kerzen Nasen) war wie jedes Jahr. Die Generalprobe ein Traum, alle aufmerksam, alle konzentriert, klare Stimmen, auswendiggelernte Ansagetexte. Dann die Aufführung. Weit aufgerissene Augen („so viele Leute…!“), piepsige Stimmchen, Verhaspler bei den Ansagen, keine den Umständen angepasste Anlage. Hach ja. Trotzdem fanden es alle schön und waren gerührt. Was gibt es putzigeres als den eigenen Nachwuchs, wenn er gebannt und mit geröteten Wangen ein Schellenband im richtigen Rhythmus schüttelt? Ich habe mich ein bisschen zum Affen gemacht, die Choreographie für den Sleigh Ride (dass mir jetzt niemand mit der GEMA anfange…! 😉 ) benötigt noch einen Vorhopser. Aber das gehört zum Musiklehrerdasein wie die Bauchschmerzen zum Bastelnachmittag. Außerdem gelangt man so immerhin zu einem recht großen Bekanntheitsgrad. „Ah, Sie sind doch die Frau Weh. Wir haben Sie eben hüpfen sehen.“

Jetzt kann ich eine Veranstaltung von der SCHULKRAM-Liste streichen. Das ist schön. Ein paar andere warten ja noch.

In diesem Sinne, ein schönes, erstes Adventswochenende!

 

Vertretungsstunde bei Herrn Weh

Hallo ich bin´s, Herr Weh.

Da sich die Dame des Hauses gerade beim vorweihnachtlichen ElternBastelTralalaNachmittag mit anschließendem öffentlichen Chorauftritt befindet, und vermutlich erst in den Abendstunden heimkommen wird (hmm, wer kontrolliert eigentlich die Arbeitszeiten von Lehrern?), bin ich gebeten worden als Gastautor tätig zu werden, um möglichen Entzugserscheinungen der Leserschaft vorzubeugen.

Natürlich komme ich dieser Bitte gerne nach. Schließlich gehört Kuschelpädagogik auch zu meinen absoluten Lieblingsseiten, erfahre ich hier doch immer wieder Dinge von/über Frau Weh und ihren Beruf, die im trubeligen Familienalltag gerne mal zu kurz kommen. Von den vielen kleinen an mich adressierten Nettigkeiten ganz zu schweigen.

Jetzt will ich aber auch nicht weiter stören. Ich muss noch eine Wärmflasche und den heißen Tee zur möglichen Frostbeulenbehandlung vorbereiten. Und die kleinen Wehwehchen wollen noch ein wenig gehätschelt werden.

Vielleicht folgt ja bald einmal ein Artikel aus der Perspektive des Lehrkörpergatten. Mir scheint, dass dies einige Besucherinnen dieses Blogs erfreuen könnte. In diesem Sinne noch viel Spaß beim Lesen wünscht

Herr Weh

Licht und Schatten

Die zweite Einheit Licht und Schatten bei den Zweitklässlern. Heute wird experimentiert. Alle sind aufgeregt und wuselig. Taschenlampen in allen Formen und Größen werden präsentiert. Ich habe verschiedene Materialien vorbereitet, die die Kinder in Gruppen auf ihre Lichtdurchlässigkeit überprüfen sollen. Aber vorher sollen sie Vermutungen anstellen. Viele wissen nicht, was Leder ist, einige haben noch nie in ihrem Leben Alufolie gesehen. Hmm, Zweifel sind angebracht.

Dementsprechend abenteuerlich sind dann auch die Vermutungen. Einige Ahs und Ohs sind zu hören, als die Kleingruppen im abgedunkelten Klassenraum die Materialien testen. Lustig wird es, als sich die Kinder in Nase und Mund leuchten. Halloween lässt grüßen. Ich hab auch was gelernt, beim nächsten Mal gestalte ich die Arbeitsblätter anders. Der Unterschied zwischen den Spalten Das vermute ich und Das habe ich herausgefunden muss optisch deutlicher sein. Einige Kinder finden sich nicht zurecht und kreuzen wild durcheinander an. Ansonsten war es ok. Vor und nach den Versuchen jeweils eine Kreisphase, die sehr strukturiert und diszipliniert abläuft. Man merkt, dass es den Zweitklässlern Spaß macht. Außerdem zahlt sich nun aus, dass wir regelmäßig im Kreis arbeiten. Den können sie jetzt richtig gut. Ich kann mich komplett aus dem Unterrichtsgespräch ausklinken, die Meldekette funktioniert, die Gesprächsregeln sitzen. Schön.

In der zweiten Runde geht es dann darum herauszufinden, wie sich der Schatten verändert, wenn die Entfernung zur Lichtquelle variiert. Hier kommen dann auch die Schattenfiguren erstmalig zum Einsatz. (Der Drache bekommt kurzen Szenenapplaus. Besonders als er mit Scheinwerfer an die Wand geworfen wird. Und die Zweitklässler kennen die Dinosaurierfiguren noch gar nicht…)

So viel zum Licht. Schatten gab es allerdings auch. Hausbesuch bei Lennox. Da will ich auch gar nichts zu schreiben, war heftig.